Der Italiener Italien 2006

Filmkritik

Der kleine Diktator

Stefan Gubser
Filmkritik: Stefan Gubser

Bella Italia mag unter Silvio Berlusconi gelitten haben. Aber im Lande des Fussball-Weltmeisters wissen sie immer noch, dass man über eine nationale Katastrophe auch lachen kann. Danke, Nanni Moretti.

Ein halbes Jahr ist vergangen, seit "Il caimano" in Italien anlief - gut getimte zwei Wochen vor jenen Parlaments-Wahlen, die Silvio Berlusconi mehr Falten ins Gesicht warfen als da vor dessen Total-Sanierung waren. Das ist wohl auch das Verdienst von Nanni Morettis neuem Film, der damals auf Berlusconis geschätzt dreihundert Fernseh-Sendern unter Einsatz aller verfügbaren Blondinen des Landes ausgebuht wurde, während ihn die italienische Presse abfeierte wie später ihre Fussball-Weltmeister, um nachts dennoch das Kopfkissen zu nässen, weil ihnen Moretti zu wenig eindeutig mit dem verhassten Minister-Präsidenten abrechnete - von der Schluss-Szene einmal abgesehen.

Aber Morettis Methode war schon immer die eines abgelenkten Blicks, der sich auf die Verflechtung des Privaten mit dem Politischen richtet und den gerne tragikomischen Widerstreit zwischen Wollen und Sollen. Er müsse diesen Dokumentarfilm über Berlusconi drehen, war das Mantra der Hauptfigur in "Aprile". Sie vertiefte sich trotzdem lieber in eine alberne Klamotte mit singenden Köchen. Auch Moretti selbst versuchte sich vor ein paar Jahren an einer Berlu-Doku, und in den ersten Drehbuch-Fassungen des "caimano" soll er direkter auf seinen liebsten Feind geschossen haben. Es habe "ihn nicht befriedigt", sagt er rückblickend und meint natürlich künstlerisch.

So hat Moretti "Il caimano" als einen Film angelegt, der im Grunde von der Schwierigkeit handelt, einen Film über Berlusconi zu drehen. Im Mittelpunkt steht Ed Woods italienischer Bruder (grossartig: Silvio Orlando), dessen vergessene B-Movies höchstens noch als Gutenacht-Geschichten für seine Kinder taugen, die von ihm getrennt bei der Ex-Frau in spe (Margherita Buy) leben. Die letzte Chance, dieser privaten und beruflichen Krise zu entkommen, scheint ihm - einem Berlusconi-Wähler - das Drehbuch einer jungen, lesbischen Filmemacherin (Jasmine Trinca), das sich bei genauerem Hinsehen als die Geschichte von Berlusconis sagenhaftem Aufstieg entpuppt.

Man könnte "Il caimano" als ein Gegenstück zu "Grounding" lesen und allein deshalb dreimal "bravo" rufen, weil Moretti die Grösse hat, die politische Bruchlandung seines Landes als eine Komödie zu zeigen oder, besser gesagt, satirisch zu überhöhen. Funny Nanni weiss eben auch, dass sich der Wahrheitsgehalt eines Spielfilmes nicht primär danach bemisst, ob seine Figuren exakt so aussehen wie ihre realen Vorbilder. Morettis Abrechnung mit Berlusconi ist bis kurz vor Schluss komische Spielerei auf todernstem Hintergrund; am meisten deshalb, weil immer klar ist, dass Berlusconi zwar der grösste anzunehmende Polit-Unfall seit Mussolini ist, aber es im ganz normalen Alltag trotzdem schwerer wiegt, wenn die Frau, die man liebt, mit einem anderen schläft oder die Roma das Derby gegen Lazio verliert. Aus Italien hört man übrigens neuerdings, Berlusconi plane sein Comeback. Das kann ja Eiter werden.

05.12.2007

4

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Kommentare

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minuccia

vor 13 Jahren

endlich eine satire gegen Berlusconi!! verzwickte geschichte, politisch einleuchtende argumente und originaldokumente, mir hat's absolut gefallen! - nicht nur, weil nur italienisch gesprochen wurde:) - Moretti in höchstform.


luegg

vor 13 Jahren

zu viele verschieden geschichten, zu unklar strukturiert, zu wenig fingerzeig oder dann klare komödie
schade, anderes von moretti gewohnt: (


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