Goyas Geister Spanien, USA 2006 – 113min.

Filmkritik

Blasses Genie

Simon Spiegel
Filmkritik: Simon Spiegel

Lebensgeschichten berühmter Männer haben es Milos Forman seit einiger Zeit angetan. In seinem neuesten Film portraitiert er den spanischen Meistermaler Francisco Goya.

Nachdem sich Milos Forman in seinen letzten beiden Biopics mit Figuren der jüngeren amerikanischen Zeitgeschichte auseinandergesetzt hat, macht er heuer einen Sprung ins ausgehende achtzehnte Jahrhundert. Damit nähert er sich nicht nur zeitlich seinem grössten Erfolg, dem grandiosem «Amadeus», an, auch inhaltlich haben die beiden Künstlerportraits einiges gemeinsam: Wie in seinem Mozartfilm nimmt es Forman auch in "Goya's Ghost" mit den historischen Fakten nicht allzu genau. Bildete in «Amadeus» der fiktive Konflikt zwischen dem mittelmässigen Salieri und dem vulgären Genie Mozart den Mittelpunkt, so konfrontiert Forman seinen Goya mit dem verschlagenen Mönch Lorenzo.

Dieser Lorenzo, ein Kriecher und Eiferer vor dem Herrn zugleich, hat sich dem inquisitorischen Kampf gegen die Gottlosigkeit verschworen und überzieht das Land mit seinem Gottesterror. Ein unschuldiges Opfer dieser göttlichen Raserei ist die junge Ines (Natalie Portman), die keusche Muse Goyas. Obwohl Ines' Vaters alles unternimmt, um seine Tochter freizukriegen, wandert das zarte Geschöpf für Jahre in den Kerker, wird dort von Lorenzo geschwängert und erblickt das Tageslicht erst wieder, als die Franzosen in Spanien einmarschieren und die Inquisition abschaffen. Lorenzo hat mittlerweile die Seiten gewechselt und predigt nun als hoher französischer Funktionär die Ideale der Französischen Revolution. Die in der Gefangenschaft schwachsinnig gewordene Ines lässt er schnell abschieben, die Suche Goyas nach ihrer - und seiner - Tochter hintertreibt er mit allen Mitteln.

Wie aus dieser Zusammenfassung ersichtlich, ist "Goya's Ghosts" so manches: ein Film über die Verbrechen der Inquisition, über die Greueltaten der französischen «Befreier», über Feigheit und Mitläufertum, aber kein Film über Goya. Der Maler selbst bleibt meist passiv, beobachtet, zeichnet, ist über weite Strecken hinweg unbeteiligter Chronist. Auch wenn er am Ende schliesslich Partei ergreift und sich für Ines einsetzt, wirkt er blass und uninteressant.

Zwar war schon bei "Amadeus" Salieri die eigentlich Hauptfigur, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt wurden, der kindlich-geniale Mozart konnte ihr aber stets Paroli bieten. In "Goya's Ghosts" gelingt dies nicht. Während Javier Bardem seinen Lorenzo mit einer verschlagenen Zurückhaltung verkörpert, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, bleibt Stellan Skarsgårds Goya unfassbar und vage. Wer je eines von Goyas Bilder gesehen hat, diese grotesken und schrecklichen Gestalten, aus denen so viel Hohn spricht, muss sich wundern über den Langweiler, den Forman nun präsentiert. Obwohl man Goya immer wieder bei der Arbeit sieht, bleibt der Künstler fremd, sein Antrieb und Innenleben verborgen.

Noch ein letzter Vergleich mit "Amadeus" sei gestattet: In seinem Mozartfilm konnte Forman das Werk seiner Hauptfigur gewissermassen unterstützend einsetzen; Mozarts Musik wurde dramatisch so geschickt in die Handlung verwoben, dass man von einer weiteren Hauptfigur sprechen konnte. Natürlich sind auch in "Goya's Ghosts" zahlreiche Bilder des Meisters zu sehen, diese unterstützen den Film aber nicht, sondern stehlen ihm vielmehr die Schau. Forman begeht den grossen Fehler, die Dinge doppelt zu illustrieren: Wenn die Franzosen Madrid stürmen, werden Filmszenen und Goyas Bilder gegeneinander geschnitten. Die berühmten «Desastres de la Guerra» Goyas sind in ihrer direkten Art aber so perfekt, so grausam treffend, dass Formans sorgfältige Bebilderung dagegen lau wirken muss. Bezeichnenderweise gehören die Titelsequenz und der Abspann, in der nur Gemälde Goyas zu sehen sind, zu den besten Szenen des Films.

12.09.2012

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Kommentare

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movie world filip

vor 8 Jahren

gutes versuch.. aber der musiker amadeus hat er besser verfilmt. wie so oft scheint es sehr schierig von maler gute filmen zu machen... wo sind die klassiker? the girl with the pearl earring war aber auch noch charmant, aber sonst?


Gelöschter Nutzer

vor 10 Jahren

Vom Titel her steht die geschundene und gequälte menschliche Kreatur im Mittelpunkt des Films. Deswegen sehen wir gleich in der Anfangszene viele Zeichnungen von Goya, die das veranschaulichen und werden außerdem in die Problematik der Inquisition mir ihrer hochnotpeinlichen Befragung, üblicherweise auch Folter genannt, eingeführt. Forman entwickelt einen prallen Bilderbogen der Gewalt, mit Anleihen an der Geschichte Europas um 1800. Teils um fiktive Figuren, teils um historische Größen herum entwickelt er seine dramatischen Bilder.
Daneben bilden noch zwei Hauptfiguren das zentrale Trio: vor allem Natalie Portman- bis zur Unkenntlichkeit verhässlicht - beeindruckt in einer Doppelrolle, die die unendliche Fortsetzung des Elends darstellt, sowie Javier Bardem als zynischer Opportunist, der vom Priester zum Vergewaltiger mutiert und erst am Ende wegen seiner Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird. Nie langweilig, ohne erhobenen Zeigefinger hinterfragt der Film Fanatismus und das Recht auf Glück im Wandel historischer Ereignisse. Historische Vorkenntnisse sind hilfreichMehr anzeigen


phantomoftheopera

vor 13 Jahren

geil


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