El Camino de San Diego Argentinien 2006 – 98min.

El Camino de San Diego

Filmkritik

Das Wunder von fern

Stefan Gubser
Filmkritik: Stefan Gubser

Roadmovie meets Pilgerfahrt: Carlos Sorin erzählt die Geschichte eines jungen Argentiniers, der sich aufmacht, seinen Fussball-Gott zu treffen.

Es ist eine alte Fussballer-Weisheit, dass sich die Qualität eines Kick-Flicks immer in jenen Minuten entscheidet, in denen der Ball rollt, wenn Fussball gespielt wird - zu tief sitzen die Seh-Gewohnheiten des Aficionados. Nicht zuletzt daran scheiterte "Goal". In dem Fussballer-Märchen waren die Live-Bilder dank der FIFA-Millionen derart zum Promo-Spektakel aufgeblasen, dass sie nur noch nach Playstation rochen statt nach Bratwurst und frisch gemähtem Rasen. Und dass Emir Kusturicas lange versprochenes Bio-Pic über Diego Armando Maradona noch nicht im Kasten ist, liegt kaum daran, dass der Schauspieler das Koksen noch nicht beherrscht, sondern sich immer noch die Beine verknotet, wenn er das Jahrhundert-Tor gegen England nachzustellen versucht.

Carlos Sorin, seit Jahren an der Peripherie Argentiniens auf der Suche nach dem Wesentlichen seines Landes, tut dies auch in "El camino de San Diego", diesem etwas anderen Fussball-Filmchen, das so eminent von der weltwichtigsten Nebensache handelt, ohne dass eine einzige Spielszene zu sehen wäre, und dessen Hauptrolle Maradona spielt, obwohl er nur zweimal zu erblicken ist (im Fernsehen), aber nicht einmal einen richtigen Cameo-Auftritt hat. Tatí (Ignacio Benitez) ist einer der Habenichtse, die sie in Argentinien "Niemande" nennen, als er im Urwald eine Baumwurzel findet, die wie abgeschnitten seinem Idol gleicht. Und nichts wird ihn daran hindern, sie ein paar Tagesreisen weiter südlich in einer Nobel-Klinik der Hauptstadt abzuliefern, in der Maradona nach einem Herzinfarkt um sein Leben ringt - weder die Familie noch das Geld, das ihm fehlt.

"Low-Budget" - ein prima Stichwort für das Schaffen von Señor Sorin: Seine Schauspieler sind wie immer fast oder ganze Laien. Menschen mit solchen Zähnen wissen nichts von "Method Acting", dafür haben sie Gesichter wie Landschaften und denken bei "Gras fressen!" eher an die nächste Mahlzeit als an die Ansprache eines Fussball-Trainers beim Pausentee. Formal orientiert sich der Regisseur einmal mehr am Roadmovie; wobei "El Camino de San Diego" nie wirklich Fahrt aufnimmt. Dafür sind die argentinischen Überland-Busse schlicht zu schlecht im Schuss, und kriminell sind vielleicht die Strassen, aber sicher nicht die Menschen, die dem Maradona-Jünger zwischen zwei Haltestellen zu Begleitern werden auf seiner Reise, die immer mehr zu einer Pilgerfahrt gerät. Sogar der brasilianische Truckerfahrer (Carlos Wagner la Bella) betet im Grunde zur Spielkunst der Hand Gottes. Fussball und (religiöse) Verehrung ist hier das Thema, und es kommt so leichtfüssig daher wie Maradona zu seinen besten Zeiten.

05.09.2007

4

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