Black Book Belgien, Deutschland, Niederlande, Grossbritannien 2006 – 145min.

Filmkritik

Der Feind in meinem Bett

Benedikt Eppenberger
Filmkritik: Benedikt Eppenberger

20 Jahre nach seinem ersten Hollywood-Hit «RoboCop» hat sich Paul Verhoeven mit einem spektakulären Kracher in Europa zurückgemeldet. Lose auf Fakten basierend, erzählt das irre Weltkriegs-Melodrama «Black Book - Schwarzbuch» vom Überlebenskampf einer jüdischen Sängerin in Holland zwischen 1944 und 1946. Verhoeven malt mit grellen Farben, wobei die Liebesbeziehung zwischen einer Jüdin und einem netten Nazi nur eine der Provokationen ist, mit der der Zyniker sein grimmiges Menschenbild zelebriert.

Nach 20 Jahren Hollywood («Basic Instinct») ist Paul Verhoeven wieder daheim in den Niederlanden und präsentiert sich in Bestform. In «Black Book», dem bislang teuersten holländischen Streifen, verbindet er gekonnt die knallharte Action seiner Hollywood-Periode («Starship Troopers») mit der Amoral seiner teilweise über 30 Jahre zurückliegenden europäischen Filme. «Schwarzbuch» bedeutet auch die Rückkehr in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, der Verhoeven bereits 1977 sein Epos «Soldiers of Orange» gewidmet hatte. In seinem neusten Werk beschäftigt er sich wiederum mit jenen finsteren Tagen, als in den von Nazideutschland besetzten Niederlanden die Grenze zwischen Widerstand und Anpassung, Heldentum und Niedertracht schwer zu ziehen war.

Carice van Houten spielt die jüdische Sängerin Rachel Stein, die 1944 miterleben muss, wie Eltern und Bruder von Nazi-Soldaten ermordet werden. Den Häschern knapp entronnen, denkt sie fortan an Vergeltung und schliesst sich deshalb dem Widerstand an. Um sich freier bewegen zu können, wechselt sie die Identität, färbt sich Kopf- und Schamhaare blond. Als arische Sängerin Ellis de Vries unterwegs, schmuggelt sie zusammen mit dem Widerständler Hans Akkermans (Thom Hoffman) Waffen im feindlichen D-Zug. Dabei fällt sie dem Nazi-Oberen Ludwig Müntze (Sebastian Koch) auf. Die keimende Lust des Deutschen kommt dem Widerstand wie gerufen, kann man doch Rachel/Ellis nun mit einer lebensgefährlichen Mission betrauen. Sie soll sich bei Müntze einschmeicheln, sich als sein Fickhäschen einen Job im Gestapo-Hauptquartier angeln und dann die Bude so verwanzen, dass die Resistance mithören kann.

145 Minuten dauert Verhoevens «Schwarzbuch», und das ist keine Sekunde zu lang. Atemlos peitscht der Holländer die Handlung vorwärts, während sich der Plot entlang der im titelgebenden Schwarzbuch aufgeführten jüdischen Familiennamen scheinbar uferlos weiterverästelt. Die Absurditäten häufen sich, und bald einmal gibt es keine Figur mehr, der man über den Weg trauen würde. Mal entpuppen sich holländische Patrioten als miese Profiteure, dann wieder ist es ein fast sympathischer Nazi, der überraschenderweise von Waffenstillstand redet. Die Welt steht Kopf, und mittendrin ist Rachel. Mal singt und strippt sie für die Nazis, mal für ihre Befreier, die sie für ihren Einsatz, bildlich gesprochen, mit einem Kübel Scheisse belohnen.

Rachel - beziehungsweise der atemberaubenden Darstellerin Carice van Houten - gehört dieser Film. Sexy und selbstbewusst, so ganz und gar nicht in der klischierten jüdischen Opferrolle zeigt Verhoeven eine Frau, die sich durch Dreck, Rotz und Betrug ans Licht zu kämpfen versucht. Dass sie dort kein Happyend erwartet, ist im verhoevschen Sinn nur konsequent. Es ist diese Illusionslosigkeit, die «Schwarzbuch» so viel radikaler, beunruhigender und realistischer macht als die meisten Filme, mit welchen europäische Produzenten und TV-Stationen in der Weltkriegsvergangenheit stochern. Auch verständlich ist, dass sich Verhoeven mit «Schwarzbuch» in den Niederlanden nicht nur Freunde gemacht hat. Vermutlich ähnlich ungehalten wären in der Schweiz die Reaktionen, würde sich ein Regisseur daran machen, den Bergier-Bericht als sexy Action-Thriller zu verfilmen. Realität aber ist, dass sich der populäre Historienfilm hierzulande lieber mit den verschmockten Lausbubenstreichen einiger Pfadfinder aufhält. Ist ja auch aufregend, oder?

10.11.2020

4.5

Dein Film-Rating

Kommentare

Sie müssen sich zuerst einloggen um Kommentare zu verfassen.

Login & Registrierung

movie world filip

vor 10 Jahren

stark, aber war nicht populair in der dvd laden wo ich arbeite


raffi44

vor 14 Jahren

ich war fasziniert..


gaffertape

vor 14 Jahren

Spät, aber gerade noch rechtzeitig, hab ich dieses Meisterwerk nun auch gesehen. Und war beeindruckt. Von einer fantastischen Hauptdarstellerin und einer vor allem in der zweiten Hälfte spannenden Geschichte, in der es kein absolut Böses, kein absolut Gutes mehr gibt. Grossartig. "Black Book" ist aber nicht nur Geschichtsverfilmung - in den letzten drei Sekunden (die Kamera blendet schon aus) wird gleichzeitig subtil und deutlich ein Bogen in die Jetztzeit geschlagen.
Dieses Meisterwerk ist einer meiner Anwärter auf "Film des Jahres". Und ich kann ihn nur empfehlen!Mehr anzeigen


Mehr Filmkritiken

Doctor Strange in the Multiverse of Madness

Dog

Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse

The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt