Babel Mexiko, USA 2006 – 144min.

Filmkritik

Ursache mit ungleicher Wirkung

Beatrice Minger
Filmkritik: Beatrice Minger

Der biblische Filmname klingt nach moralischem Zeigefinger, nach Betroffenheitsfilm und christlich geprägter Erlebnispädagogik. Doch nichts davon ist zu spüren, wenn Alejandro González Iñárritu vom Schuss aus dem Gewehr eines Hirtenjungen erzählt, der um die Welt geht.

Man sagt, der Flügelschlag eines Schmetterlings kann auf der andern Seite des Erdballs einen Tsunami auslösen. Ein ähnliches Ursache-Wirkung Unverhältnis widerfährt dem Hirtenjungen Yussef (Boubker Ait El Caid) in Marokko, als er mit dem Gewehr seines Vaters statt auf Kojoten auf einen Reisebus schiesst. Die Kugel trifft die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett) und löst eine Lawine schwerwiegender Ereignisse aus. Der Schuss, mit dem Yussef seinem grossen Bruder im Grunde nur seine Männlichkeit beweisen wollte, wird von den verängstigten Touristen als terroristischen Akt interpretiert - Antiterror-Einheiten und Medienschaffende sind schnell anwesend.

Während Susans Ehemann Richard (Brad Pitt) verzweifelt versucht, ihr Leben zu retten, verzögert sich die Rückkehr des Ehepaars in die USA. Dies bringt das Kindermädchen ihrer Kinder in Schwierigkeiten, das an der Hochzeit ihres Sohnes in Tijuana, Mexiko, erwartet wird. Schliesslich nimmt sie die beiden Kinder einfach mit, da sie auf die Schnelle keinen Ersatz findet. Das geht so lange gut, bis sie auf der Heimreise von einem Grenzwächter aufgehalten werden, und ihr Neffe (Gael Garcia Bernal) durchdreht und einen Fluchtversuch unternimmt. Derweil geht eine weltweite Suche der Polizei nach dem ursprünglichen Besitzer der Jagdwaffe los. Dieser dritte Erzählstrang führt zum Japaner Yasujiro und dessen gehörlosen Tochter Chieko (Rinko Kikuchi). Als ein junger Polizeibeamter ihr seine Karte gibt, ahnt er nicht, was das für Folgen haben könnte.

Man hat bereits in «Amores Perros» und «21 Grams» gesehen, dass Alejandro González Iñárritu etwas vom nicht linearen und verschachtelten Erzählen versteht. Man könnte es aber fast als eine Parabel auf die Globalisierung bezeichnen, wie er erneut drei Erzählstränge, diesmal gleich über drei verschiedenen Erdteile, verknüpft und unter seiner geschickter Hand die vermeintlich weite Welt immer näher zusammenrückt. Diese dichte Nebeneinander- und Gegenüberstellung macht deutlich: So unterschiedlich die Kulturen, die sozialen Schichten und Hintergründe der Figuren sind, so stossen sie alle an die gleichen Grenzen.

Insbesondere an die Grenzen der Sprache. Die Anspielung an den Turmbau von Babel, als Gott die menschliche Vermessenheit mit Sprachverwirrung strafte, kommt nicht von ungefähr. Verständigungsprobleme prägen den Umgang der Menschen in Babel - egal ob zwischen verschiedenen Sprachen und innerhalb derselben. Nur einem scheint die Kommunikation seiner Anliegen zu glücken - Iñárritu selber. Ihm gelingt sein ambitioniertes Projekt, Wirklichkeit in ihrer Vielschichtigkeit abzubilden, wozu er eine direkte, dichte und zugleich organische Filmsprache entwickelt hat, die in ihrer Präzision begeistert. Mit Hilfe eines brillianten Schauspielensembles, von denen einige die Vorstellung ihres Lebens geben, hat Iñárritu ein Meisterwerk und wohl einen Oscar-Anwärter geschaffen.

25.11.2020

5

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Kommentare

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fcamichel

vor 9 Jahren

Habe mehr erwartet. Der Film ist zwar ganz nett, hat aber nur gering mit Sprachverwirrung zu tun und hat keinen besonders grossen Tiefgang.


pfuteri

vor 10 Jahren

Der Massstab sind die Vorgänger Filme dieses Regisseurs.
Hier geht es leider Richtung Mainstream und Starkino


Gelöschter Nutzer

vor 12 Jahren

Wie der Film vier Handlungsstränge miteinander verbindet ist schon recht unterhaltsam auch wenn in manchen Teilen ziemliche Längen drin sind. Und wie er den Zusammenhang nach und nach enthüllt ist auch gar nicht mal so schlecht. Das globale Handlungsnetz reicht von Marokko über die USA und Mexiko bis Japan. Die Kommunikationsschwierigkeiten, auf die der Titel hinweist, sind zwar vorhanden, aber wenn man mal von der Gehörlosen Chieko absieht, nur am Rande von Bedeutung. Meistens handelt es sich um Missverständnisse oder Fehlinformationen. Eine echte Sprachverwirrung wie beim Turmbau zu Babel kann ich leider nicht entdecken. Wenn man sich drauf einlässt, kann man aber bangen, hoffen, mitunter sogar schmunzeln. Selten ist man gelangweilt. Für ein philosophisches Streitgespräch reicht es aber nicht.Mehr anzeigen


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