Eine fatale Entscheidung Frankreich 2005 – 110min.

Filmkritik

Bullenstress

Simon Spiegel
Filmkritik: Simon Spiegel

Von der Polizeischule direkt zur Pariser Kripo - Antoine (Jalili Lespert), der "petit lieutenant" des Titels, ist Polizist aus Leidenschaft und Überzeugung. Er glaubt an seinen Job, sucht aber auch den Nervenkitzel und die Aufregung; als es einen Mord an einem Obdachlosen aufzuklären gilt, ein alltägliches Delikt in Paris, macht er sich mit Begeisterung an die Ermittlungen.

Für seinen vierten Film hat Regisseur und Drehbuchautor Xavier Beauvois das Genre des Polizistenfilms gewählt. Sein oberstes Gebot ist Realismus; um den Polizeialltag authentisch wiederzugeben, begleitete Beauvois einen Polizeihauptmann während mehrerer Monate bei der Arbeit. Das Ergebnis dieser aufwendigen Recherchen ist ein Film, der den harten Job der Gesetzeshüter präzise und ohne Schnörkel zeigt.

Seine Protagonisten sind keine revolverschwingenden Superhelden, sondern Durchschnittsmenschen, denen eine zerstümmelte Leiche oder deren Obduktion ebenso an die Nieren geht wie jedem Zivilisten, Hüter von Recht und Ordnung, die längst nicht immer kühlen Kopf bewahren und immer wieder Zuflucht im Alkohol suchen müssen; gewöhnliche Gestalten mit gewöhnlichen Stärken und Schwächen, die versuchen, einen körperlich und seelisch äusserst anstrengende Aufgaben einigermassen anständig zu versehen.

«Le petit lieutenant» ist bewusst als Milieustudie und nicht als spannender Thriller angelegt, Beauvois zeigt den Mikrokosmos Polizei. Antoine ist dabei nur die vermeintliche Hauptfigur; in der Mitte des Films wird er niedergestochen und liegt für den Rest im Koma. Im Zentrum steht nun Kommissarin Vaudieu (Nathalie Baye), ein alter Hase im Geschäft, die nach längerer alkoholbedingter Absenz wieder in den Dienst zurückkehrt.

Obwohl der Regisseur immer wieder betont, wie nah sein Werk im Gegensatz zu anderen ähnlich gelagerten Filmen an der Realität ist, ist der Blick, den er auf den Polizeialltag wirft, insgesamt doch alles andere als neu. Der Polizeifilm ist ein derart altes und beliebtes Genre, das nur wenige Szenen in «Le petit lieutenant» wirklich ungewohnt oder neuartig wirken, die wenig glamouröse Routine der Gesetzeshüter haben wir bereits in anderen Filmen gesehen. Das realtiviert zwar den Anspruch des Regisseurs, spricht aber keineswegs gegen den Film, der eindringlich gespielt und genau inszeniert ist.

05.05.2006

4

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Kommentare

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vor 11 Jahren

Es ging hier dem Regisseur wohl nicht um einen echten Krimi, sondern um die Darstellung des gewöhnlichen Alltags der Kripo. Daher ist es auch nicht spannend. Man sieht die teilweise monotone Arbeitsweise der Polizei, die sich aber von jetzt auf gleich in eine gefährliche Situation verwandeln kann. Es erfordert nicht nur ständig physische und mentale Präsenz, sondern auch Selbstbeherrschung und oft ein besonnenes Vorgehen. Auch der persönliche Hintergrund der beiden Hauptfiguren wird nur gestreift. Der ’kleine Leutnant’ wie ihn die Kommissarin nennt, ist verheiratet mit einer Lehrerin aus Le Havre (Wochenend-Ehe) und auch die Besuche der Kommissarin (Nathalie Baye) bei den Anonymen Alkoholikern werden nur kurz eingeblendet. Man merkt deutlich den Unterschied zu Hollywood. Kein Glamour, nichts Spektakuläres passiert, halt wie im normalen Leben.Mehr anzeigen


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