CH.FILM

Gambit Schweiz 2005 – 107min.

Gambit

Filmkritik

Das Bauernopfer von Seveso

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Als 1976 in Seveso eine Umweltkatastrophe passiert, gerät ein Basler Chemiemulti ins Zwielicht. Ein Mann wird zum Sündenbock gestempelt. Die Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger beschreibt, wie Beteiligte damit umgegangen sind. Ihr Film wurde in Locarno mit dem Preis der Semaine de la critique ausgezeichnet.

In der kleinen Firma Icmesa werden infolge Fahrlässigkeit giftige Gase frei: Die Umweltkatastrophe von Seveso 1976. 77'000 Tiere verenden, Menschen, vor allem Kinder, leiden unter akuten Hautverätzungen. Der Schweizer Chemiemulti Hoffmann-La Roche gerät ins Zwielicht, denn Icmesa ist eine Tochter des Basler Unternehmens. Die Unternehmensspitze zeigt sich überheblich und überfordert. Kaderleute leugnen, distanzieren sich und halten sich bedeckt. Der Name Hoffmann-La Roche sollte unter allen Umständen aus dem Skandal herausgehalten werden. Im Sicherheitsbeauftragten Jörg Sambeth fand man einen Sündenbock, ein Bauernopfer. «Gambit» eben - eine Eröffnung im Schachspiel. Bei diesem Zug nimmt man Verluste in Kauf, um am Ende zu triumphieren.

Knapp dreissig Jahre nach der Giftkatastrophe rollt die Zürcherin Sabine Gisiger in ihrem Dokumentarfilm «Gambit» den zwielichtigen Fall auf. Sie vermeidet es bewusst, die Rolle der Anklägerin zu übernehmen, sondern zeichnet den Weg des deutschen La Roche-Mitarbeiters Jörg Sambeth nach. Sein persönliches Drama wird zum Spiegelbild einer unternehmerischen Verfehlung, Hybris, Feigheit und Uneinsichtigkeit. Wen wundert es, dass dieser Konzern auch heute noch nicht bereit ist, Stellung zu beziehen. Zumindest in diesem Film nicht. Der Pharmakonzern spricht aber Bände, in dem er eben nicht spricht, sondern verschweigt und vertuscht.

Es geht in «Gambit» auch gar nicht explizit um Abrechnung, sondern um Aufklärung und Erhellung, um die Soziologie eines Weltunternehmens, um Lüge und Verantwortung. Der vermeintliche «Täter» Jörg Sambeth, der immer wieder Stellung bezieht, ist der Motor dieser engagierten Recherche, sozusagen der Anchorman einer fortwährenden Untersuchung. Sein persönliches Schicksal, sein Leben ist verknüpft mit diesem Dioxindesaster, das bis heute einige Fragen offen lässt.

Sabine Gisiger, die seit 1988 regelmässig für das Schweizer Fernsehen Reportagen und Berichte drehte und u.a. die Dokumentarfilme «Do It» (2001) oder «*Motor Nash» (1995) realisierte, hinterfragt ein Stück Schweizer Zeitgeschichte. Die Stärke ihres Films liegt dabei eindeutig in der menschlichen Nähe, der individuellen Betroffenheit. Das geht einem auch heute noch nahe. Spannend, aufrüttelnd und nachhaltig denkwürdig.

30.09.2005

4

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