Wenn der Richtige kommt Deutschland 2004 – 81min.

Filmkritik

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Stefan Gubser
Filmkritik: Stefan Gubser

Die Liebesgeschichte um eine deutsche Putze und einen türkischen Wachmann, ein "vollständig improvisierter Spielfilm" der beiden Jung-Regisseure Oliver Paulus und Stefan Hillebrand, wurde an mehreren kleineren Filmfestivals ausgezeichnet. Keine Ahnung warum.

Putzfrau Paula (Isolde Fischer) lernt auf Arbeit den türkischen Wachmann Mustafa (Can Sengül) kennen und liest dessen Höflichkeit fatalerweise als zarte Zeichen der Liebe. Als Mustafa eines Tages nicht mehr zur Arbeit erscheint, stürzt sich Paula in das Abenteuer ihres Lebens. Im Glauben an ein Wunder reist sie in die türkische Millionenstadt Adana, um den vermeintlichen Mann ihres Herzens zu finden. Dabei kennt sie nicht einmal seinen Nachnamen.

"Wenn der Richtige kommt", der erste Langfilm von Oliver Paulus und Stefan Hillebrand, ist ein "vollständig improvisierter Spielfilm". Der Liebesgeschichte liegt ein überaus gestrenges Konzept zugrunde, das sich getrost mit dem Etikett "Dogma verschärft" versehen lässt, auch wenn die beiden Regisseure irritierend wenig von den offensichtlichen Bezügen sprechen, denen ihr experimentelles Projekt sich verdankt. Die Geschichte des Films, so legen Paulus und Hillebrand im Presseheft dar, entstand "ausschliesslich durch Improvisation während der Dreharbeiten", die Schauspieler waren "nicht über Spiel und Absichten ihrer Spielpartner" unterrichtet, keine einzige Szene wurde zweimal gedreht, die Kamera (Matthias Schick) hatte "vor Drehbeginn keinerlei Informationen über Inhalt und Verlauf der Szene" und gedreht wurde "nur an Originalschauplätzen unter den dort herrschenden Bedingungen". Vor Beginn der Dreharbeiten waren allein die Hauptdarsteller gecastet, alle übrigen Figuren wurden (bei Bedarf) mit dem Personal besetzt, das man an den Drehorten vorfand.

So radikal das Konzept tönen mag, das sich in hohem Masse einem "von selbst" verpflichtet und aus dem ehrenwerten Wunsch nach einem wahrhaftigen Gegenstück zum lebensfernen Hochglanz mancher Grossproduktion erwachsen scheint, so entschieden fordert der ebenfalls im Presseheft abgedruckte Selbstbeschrieb des Resultats zum Widerspruch. Da ist beileibe nicht "alles (...) so unglaublich echt, dass man Rotz und Wasser lachen und weinen könnte", vor allem dann nicht, wenn die für ihre Putze Paula mehrfach ausgezeichnete Isolde Fischer im Spiel ist (was fast immer der Fall ist).

Genau wie Fischer ihre Figur überspielt, deren Einfach- und Gutsein sich bis zur kaum erträglichen und noch weniger glaubhaften Grenzdebilität steigert, genau so führt die Freiheit, welche die Improvisation auf Plotebene zulässt, nicht zu der "echteren" Geschichte, sondern zu ihrem exakten Gegenteil, einem höchst klischierten Liebesmärchen. Und das macht auch der erzählerische Trick nicht wett, die Geschichte retrospektiv von Paula erzählen zu lassen, die naive Logik also gleichsam im Kopf der schwach begabten Hauptfigur zu verankern.

"Wenn der Richtige kommt" wurde an den Filmfestivals von Sevilla, San Francisco, Verona, Setubal, Irkutsk und Khanti-Mansiisk ausgezeichnet - in der Regel für "Best Film" und "Best Actress". Hoffentlich nicht aus Mitleid.

27.07.2004

2.5

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Kommentare

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zinzin

vor 16 Jahren

Wie man hier an den Leserbewertungen im Vergleich zu denen der Redaktion sieht gibt es bei Kritkern das gleiche Phänomen wie bei mancher Festival-Jury: Der Beurteilende hat das Gefühl, repräsentierend für eine grosse Gruppe urteilen zu können, liegt damit aber voll daneben. Da hilft nur: Selbst anschauen!Mehr anzeigen


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