CH.FILM

Vollenweider Schweiz 2004 – 74min.

Vollenweider

Filmkritik

Im Namen des Gesetzes

Filmkritik: Irene Genhart

Theo Stichs "Vollenweider", vom Regisseur als "dokumentarischer Kriminalfilm" bezeichnet, ist die fein-säuberliche Aufarbeitung der letzten zivilrechtlichen Hinrichtung in der Schweiz.

Am 18. Oktober 1940 wird in Sarnen der letzte, in der Schweiz nach zivilem Strafrecht zum Tode verurteilte Mensch hingerichtet. Hans Vollenweider ist sein Name. Geboren wurde er 1908 in Zürich, schuldig ist er des dreifachen Mordes.

Schlicht "Vollenweider" hat der aus Stans stammende Filmemacher Theo Stich seinen zweiten Film überschrieben. Er bezeichnet diesen als "dokumentarischen Kriminalfilm" und rollt darin den Fall seines "Titelhelden" von Geburt bis zum Tode unter der Guillotine auf.

Die Kindheit erlebt er in Zürich, und er habe, hat Vollenweider später als Erwachsener geschrieben, seit seinem achten Lebensjahr unter der finanziellen Misere seiner Familie gelitten. 1923 tritt Vollenweider in einer renommierten Innendekorationsfirma in Zürich eine Kaufmannslehre an und bleibt nach erfolgreichem Abschluss in der Firma angestellt. Doch dann kommt die Wirtschaftskrise und mit ihr seine Entlassung.

1933 noch trifft man ihn in Steckborn, wo er sich als Kinobetreiber versucht. Doch das Kino floppt, und 1934 folgt der erste kriminelle Akt - eine versuchte Entführung, als deren Folge Vollenweider in die psychiatrische Klinik eingeliefert wird. "Er war ein Einzelgänger", steht in den Akten der Klinik, und: er "hat noch nie eine intensive Beziehung zu einer Frau gehabt".

"Wie", lautet die erste Frage, von der "Vollenweider" ausgeht, "wurde aus diesem Bub, den seine noch heute lebendem Klassenkameraden unisono als 'sehr lieb' und 'eher schüchtern' bezeichnen, ein vorsätzlich handelnder mehrfacher Mörder?" "Und wie", fragt der Film weiter, "kam es, dass kurz vor Einführung des gesamtschweizerisch geltenden Strafgesetzes im Januar 1941, mit dessen Inkrafttreten die zivile Todesstrafe abgeschafft wurde, im Kanton Obwalden überhaupt noch jemand hingerichtet wurde?"

Stich lässt Zeitzeugen, Vollenweiders Schulkameraden und ehemalige Polizisten sowie Nachkommen der Opfer zu Wort kommen. Vor allem aber gibt er, ausgehend von im Off vorgelesenen Briefen, tagebuchartigen Aufzeichnungen und Protokollen, Vollenweider selber das Wort. Von Einsamkeit weiss dieser zu berichten, von Lebensängsten und Erfolgsstreben. Von Zufall und Pech, die ein unter nicht rosigen Umständen begonnenes Leben nicht leichter, sondern schwieriger machten. Zu vernehmen ist beim genauen Hinhören auch eine Verhärtung des Tonfalles, das Aufkommen von Hoffnungslosigkeit und damit einhergehend der Verlust des Selbstwertgefühls und das Entstehen einer Rücksichtslosigkeit, deren einziges Ziel die Verbesserung der persönlichen Lage ist.

"Vollenweider" besticht weniger durch Bildlichkeit: Von Vollenweider existieren nur wenige Fotos, und so gibt es in Stichs Film viele "Talking Heads" und tendenziell hilflos wirkende Fahrten durch die grau verhangene Schweiz . Was den Film trotzdem spannend macht, ist seine historische Akribie.

22.12.2004

4

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Kommentare

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gib

vor 14 Jahren

Sehr spannend, jeder kann zum Mörder werden...


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