Memoria del saqueo Argentinien 2004 – 118min.

Memoria del saqueo

Filmkritik

Hausgemachte Katastrophe

Filmkritik: Irene Genhart

Als Off-Erzähler erläutert Fernando E. Solanas in diesem Dokfilm von bestechender Bildlichkeit und erschlagender Informationsdichte, wie Globalisierung, Misswirtschaft und politische Korruption Argentinien im Laufe der letzten 30 Jahre in den den Ruin getrieben haben.

In der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 2001 geht Argentiniens Volk auf die Strasse und fordert auf Kochtöpfe trommelnd den Rücktritt der Regierung. Harsch gehen Militär und Polizei in den folgenden Stunden und Tagen auf die Demonstranten los. Doch das Volk, das unzählige Anpassungen überlebt hat, wie es in "Memoria del saqueo" heisst, lässt sich diesmal so schnell nicht vertreiben. Es steht auf der legendären Plaza de Mayo, wo die Mütter einst ihre unter der Militärdiktatur verschwundenen Söhne zurückforderten, und stellt sich mutig Ross und Reiter entgegen. "Wir leben nicht mehr in einer Diktatur", schreit eine junge Frau in die Kamera.

"Wie ist Argentinien dahin gekommen, wo es heute steht?", fragt Regisseur Fernando E. Solanas, der im Off als Erzähler auftritt und bisweilen auch selber die Kamera führt. Ausgehend von dieser als "Kochtopfrevolution" in die Annalen eingegangenen Demonstration blendet der Film zurück. In einem fein säuberlich nach Themen und Punkten gegliederten Programm führt Solanas anhand von Fakten, Daten und Taten auf, wie Argentinien, seit 1976 von skrupellosen und machtgierigen Männern regiert, immer tiefer in eine Misswirtschaft trieb. Deren Kennzeichen sind eine dünne, stinkreiche Oberschicht und eine die Massen ausmachende, mausarme Unterschicht.

Der Höhepunkt ist der in "Memoria del saqueo" ("Erinnerung an die Plünderung") beklagte "soziale Genozid". "Dass es in Argentinien so weit kommt", spricht Solanas über die erschütternden Aufnahmen aus dem Kinderspital von Tucuman, "hätten wir nicht gedacht, als wir hier 1967 'La hora de los hornos' drehten." So verweist Solanas' neuster Film auch auf das Werk des Regisseurs und dessen Ursprünge im Politischen. Doch anders als "La hora de los hornos" ist Solanas neuster Film kein krudes Cinéma Verité-Dokument, sondern - wie der Titel nahe legt - ein aus Erinnerungen geschöpftes, filmisches Pamphlet.

Darin vermischt sich gefundenes, historisches Filmmaterial nahtlos mit von Solanas und/oder Kameramann Alejandro Fernández Mouján selber gedrehtem und verdichtet sich zu einem Film von betörender Bildlichkeit. Dessen Inhalt beschert dem Zuschauer bisweilen Erschütterndes: Die Bilder von Kindern, die quicklebendig durch riesige Abfallberge krabbeln, die ihr Zuhause und einziges Auskommen sind, bringt man so schnell nicht wieder aus dem Kopf.

"Memoria del saqueo", an der Berlinale 04 mit einem Ehrenbären ausgezeichnet, ist ein verdienstvoller und enorm wichtiger Film. Gleichwohl kann man ihm dasselbe vorwerfen wie Michael Moores "Fahrenheit 9/11": Die Geschwindigkeit, in welcher der Regisseur dem Publikum Namen, Daten und Fakten serviert, ist derart horrend, dass dem Zuschauer ob der Menge des Dargebotenen der Rezeptionskollaps droht. Und spätestens an diesem Punkt muss man dringend über die Definition der Qualität eines Dokumentarfilms nachzudenken beginnen.

13.09.2004

4

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Kommentare

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tatjana10

vor 14 Jahren

Solanas besticht mit präziser kameraführung, intensiven bildern und einer wut, die bis ins knochenmark spürbar ist. so kommen auch die usa und europa an die kasse und wiedermal wird einem bewusst, wie verfilzt und durchtrieben die weltwirtschaft funktioniert. die geschichte argentiens, in unseren breitengraden eine vergessene, führt einem in gnadenloser härte vor augen, wie korruption und globalisierung dazu führen, dass die, die sich bereichern, den champagner aus flaschen trinken während im selben land kinder an hunger sterben und grundwasser so mit bezin verseucht ist, dass es hoch entflammbar ist. das nennt sich dann demokratie nach der diktatur. ich bin tief beeindruckt, bewegt und wütend. die einzige frage, die sich mir immer wieder stellt, die auch der film nicht richtig beantwortet: wo ist in diesem land die opposition vorhanden / vertreten? wo ist und war die linke? oder ist es tatsächlich so, dass selbst die opposition korrupt und hintertrieben war/ist? wenn ja, dann ist mir noch übler als wie es mir bereits am freitag war, als ich das kino verlassen habe. mein fazit: 5 sterne - unbedingt ansehen!Mehr anzeigen


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