Darwins Nightmare Österreich, Belgien, Kanada, Finnland, Frankreich, Schweden 2004 – 107min.

Darwins Nightmare

Filmkritik

Ein alltäglicher Alptraum

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Im afrikanischen Victoriasee spiegelt sich der Irrwitz der Globalisierung wieder. Frachtflugzeuge exportieren Tonnen des gefragten Nilbarsch und bringen Waffen zurück. Ein denkwürdiger Dokumentarfilm.

Eine unglaubliche Geschichte: In den Victoriasee wurde vor drei Jahrzehnten der Nilbarsche eingesetzt - ein wissenschaftliches Experiment. Das hatte schwerwiegende Folgen: Das gefrässige Raubtier erwies sich nicht nur als gefragte Delikatesse, sondern auch als Killer. Er hat fast den gesamten Fischbestand des Sees ausgerottet. Die begehrten Barsch-Filets werden seither täglich tonnenweise zu den europäischen und asiatischen Märkten geflogen. Doch die Frachtflugzeuge kehren nicht leer zurück, wie Filmemacher Hubert Sauper nach hartnäckiger Recherche herausgefunden hat. Sie bringen Waffen nach Afrika und versorgen diverse Kriegsherde. Ein florierender Handel.

Der Österreicher Sauper hatte während der Dreharbeiten zu seinem Film "Kisangani Diary" (1998) über ruandische Flüchtlinge die Idee diesem Projekt. Er beobachtete gigantische Frachtflugzeuge über Mwanza (Tansania) und recherchierte. Was bargen die Bäuche der fliegenden Frachter? "Die russischen und ukrainischen Piloten wurden bald meine Kameraden", berichtete der Filmer. "Schon nach wenigen Bieren und Wodkas erzählen sie mir lachend, dass sie nicht nur humanitäre Hilfsgüter in die Kriegsherde liefern, sondern eben auch das, was der Krieg braucht: Bomben, Minen, Kalaschnikows, Munition..."

Wir erleben, wie die Menschen am Victoriasee hilflos globalen Machenschaften ausgeliefert sind, wie Fischer krepieren, Frauen sich prostituieren, Kinder und Frauen im Fischdreck wühlen. Politiker, EU-Delegierte und Manager gebärden sich als Wohltäter, sie meinen es gut. Aber wie so oft bleiben die direkt Betroffenen auf der Strecke: Die Bevölkerung wird Opfer eines kommerziellen Erfolgs. Der mörderische Fisch bringt Reichtum und doch geht der wirtschaftliche Aufschwung mit Ausbeutung Hand in Hand.

Mit beherztem Einsatz und Hartnäckigkeit sind Hubert Sauper und sein Team ins "Herz der Finsternis" getaucht und nahmen dafür einiges in Kauf wie Verhaftungen, Verhöre etc. Der denkwürdige Dokumentarfilm versteht sich nicht als Anklageschrift oder aggressives Pamphlet, sondern als Aufruf und Aufklärung über ökologische und menschliche Katastrophen. Eine widersprüchliche Realität wird zum Alptraum, der unsere Welt und Gesellschaft in Frage stellt. Das wirkt nach.

Der Film "Darwin's Nightmare" ist Dokument, Reportage und Alptraum zugleich, sehr nahe an den Beteiligten - Tätern wie Opfern. Das fesselnde Filmstück erhielt unter anderem Auszeichnungen am Filmfestival Fribourg, in Venedig, in Wien und wurde als Bester Europäischer Dokumentarfilm gekürt.

02.11.2005

4

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Kommentare

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knallfroschdeluxe

vor 7 Jahren

eindrücklicher film. gehört zu den besten dokfilmen der letzten 10 jahre!


oranjevoetbal

vor 12 Jahren

der film zeigt ein ungeschminktes bild der afrikanischen realität, das unter die haut geht, keine schönfärberei. menschliches elend und ökonomische "zwänge" werden direkt verknüpft, oft zynische kommentare der beteiligten runden das portrait einer hoffnungslosen region ab.
"darwin's nightmare" sollte an schulen und am wef gezeigt werden.


augschti

vor 12 Jahren

Ein Teil der afrikanischen Realität wird unverblümt gezeigt. Strassenkinder, sich von Abfällen ernährende Arme, sowjetische Crews im Stopover, habgierige Afrikaner, nichtswissende Diplomaten: die Bilder sind hart aber sind ebenso alltägliche Realität. Das Mosaik aus Bildern zeigt allerdings nur diese Mosaiksteine, welche die Aussage des Films bestätigen und bestärken. Eine Ueberspitzung und Häufung gewisser Szene wird so dem Zuschauer vor Augen geführt. Bilder die ich aus meinem afrikanischen Alltag ebenso kenne aber nicht nur. Werden nun diese Bilder so einseitig einem Publikum gezeigt, das die afrikanische Realität nicht besser kennt, kann dieser Film als einseitig ergo als gefährlich bezeichnet werden. Damit soll die Leistung des Films nicht in mindester Weise geschmälert werden. Der Film regt dazu an, sich mit der afrikanischen Realität auseinanderzusetzen was leider in unseren Breitengraden viel zu wenig geschieht. Würde man sich zu stark in die Problematik vertiefen, wäre die Ernüchterung um unsere Ohnmacht gross. Die Zukunft wird weisen ob ein Ignorieren der afrikanischen Problematik noch lange weitergehen kann.Mehr anzeigen


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