Sein Bruder Frankreich 2003 – 95min.

Sein Bruder

Filmkritik

Langer Abschied

Filmkritik: Simon Kern

Nach "Intimacy" rückt Patrice Chéreau mit "Son frère" erneut dem menschlichen Körper auf den Leib – und den Beziehungen, die ihn antreiben. Sein gänzlich unbeschönigendes und berührendes Drama erzählt mit dem gebürtigen Schweizer Bruno Todeschini in einer Hauptrolle von der Beziehung eines jungen Mannes zu seinem sterbenden Bruder.

Thomas (Bruno Todeschini) ist krank. So schwer krank, dass er Luc (Eric Caravaca) um Beistand bei der Behandlung im Spital bittet – seinen Bruder, von dem er sich über die Jahre entfremdet hat. Diese Kluft zu überwinden, gelingt den so unterschiedlichen Brüdern im Laufe der beschwerlichen Therapieversuche, doch die Verschlechterung von Thomas’ Gesundheitszustand schreitet unaufhaltsam voran. Ein letztes Mal fahren Thomas und Luc zum Ferienhaus der Familie an die bretonische Küste.

Mit seinem letzten Film, "Intimacy", errang Regisseur Patrice Chéreau anno 2001 unter anderem den "Goldenen Bären" von Berlin. Aufhebens wurde damals nicht zuletzt wegen der ungeschönten, expliziten Erotikaufnahmen gemacht. Für "Son frère" ist der Franzose zwei Jahre später an selber Stelle für die beste Regie ausgezeichnet worden, und in seinem Film über Krankheit und Tod wird erneut Chéreaus Bestreben nach Realismus überdeutlich.

Dieses Ansinnen brachte einerseits mit sich, dass der Schweizer Bruno Todeschini, der den Todkranken gibt, seinen Körper für die Rolle um 12 Kilos ausmergeln musste und überhaupt merklich gezeichnet wirkt. Andererseits hat Patrice Chéreau sich auch einer gänzlich unbeschönigenden Bildsprache verschrieben. Gerade die Szenen im Spital sind von einer – stimmigen – ästhetischen Lieblosigkeit, dass man im dunklen Kinosaal von Spitalkoller ergriffen werden könnte. Erneut kommt zudem die Faszination des Regisseurs für den menschlichen Körper zum Ausdruck. Nur dass die Kamera diesmal dem versehrten Körper auf den Leib rückt, seinen Verfärbungen und Verformungen.

Auf Tricks und doppelten Boden verzichtet Chéreau aber auch bei der Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Statt erhebender Sinnsprüche werden am Spitalbett gar läppische Banalitäten ausgetauscht. Und der kranke Thomas wirkt auch herrisch und undankbar, der gesunde Luc in sowas wie der Heldenrolle vor allem hilflos. "Son frère" ist ein letztlich unbequemer Film – und einer, der berührt. Dass das Drama seine Wirkung nicht mit aufgesetzter Emotionalität erzielt, in dieser Wahrhaftigkeit liegt vielleicht Patrice Chéreaus grösstes Verdienst.

18.12.2003

4

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