Mystic River USA 2003

Filmkritik

Erbarmungslos

Björn Schäffner
Filmkritik: Björn Schäffner

Verbrechen und Gewalt bilden die thematischen Fixpunkte im Werk von Clint Eastwood. "Mystic River" macht da keine Ausnahme. Aber so düster war "Dirty Harry" noch nie.

Zielsicherer kann man einen Bestseller nicht auf die Leinwand bringen. Dennis Lehanes Story um Schuld, Rache und Sühne verwuchert auch in Clint Eastwoods Adaption zu einer gleichermassen albtraumhaften und realistischen Tragödie. Sie bleibt der grossartigen Buchvorlage nichts schuldig: Die ausgefeilten Dialoge und die psychologische Tiefenschärfe gibt das Drehbuch von Brian Helgeland ("L.A. Confidential") zwar in kompakter Form, aber unverminderter Intensität wieder. Hinzu kommt, dass Eastwoods geradliniger Regie-Stil wie geschaffen ist, die in der irisch-katholischen Unterschicht angesiedelte Geschichte zu erzählen.

Ein Bostoner Arbeiterviertel im Jahr 1975: Vor Holzhäusern spielen Dave Boyle, Jimmy Markum und Sean Devine Strassenhockey. Als die Freunde ihre Namen in frischen Zement verewigen, hält ein schwarzes Auto an. Zwei bedrohliche, als Polizisten gekleidete Gestalten nehmen Dave wegen des vermeintlichen Vergehens mit. Vier Tage lang wird der Junge in einem Keller gefangen gehalten und sexuell missbraucht, bis ihm schliesslich die Flucht gelingt.

Erst als Jahrzehnte später Jimmy Marcums 19-jährige Tochter (Emmy Rossum) brutal ermordet wird, finden die Freunde wieder zusammen: Während Jimmy (Sean Penn) von Kummer und Rachegedanken verzehrt wird, ermittelt Polizist Sean (Kevin Bacon) im Mordfall. Der Verdacht fällt auf Dave (Tim Robbins), der sein Kindheitstrauma nie hat überwinden können.

Dieser Film mutet wie eine Antithese zum aktuellen Kinoereignis "Kill Bill" an: Reizen die zynischen Blutfontänen in Quentin Tarantinos neustem Film das Zwerchfell, entlarvt "Mystic River" das Morden als Obszönität menschlichen Handelns, als Banalität des Bösen. Mit welcher Zurückhaltung "Dirty Harry" agiert, ist in Hollywood wahrlich eine Seltenheit: So widersteht Eastwood etwa der Versuchung, dem Mord an der bildhübschen Katie auch nur eine einzige Einstellung zu widmen. Andere hätten das Verbrechen buchstäblich ausgeschlachtet.

Sekundiert wird der Regisseur von einem fabulösen Schauspielerensemble: Während Sean Penn eine Oscar-Nominierung auf sicher haben dürfte, vergisst man das wölfische Funkeln in Tim Robbins' Augen so schnell nicht wieder. Ebenso überzeugende Darbietungen zeigen Marcia Gay Harden und Laura Linney als Ehefrauen von Dave und Jimmy.

Erbarmungslos zieht Eastwoods Film die Schlinge um seine Figuren enger: Auf ihnen lastet ein Verhängnis, das in den Kindheitstagen von Jimmy, Dave und Sean seinen Anfang nahm. Dies ahnt auch Jimmy, der am Grab seiner Tochter klagt: "Ich weiss aus tiefster Seele, dass ich an deinem Tod mit schuldig bin. Nur weiss ich nicht warum." Bitter ist die Einsicht, die am Ende über dem Mystic River hängt.

07.08.2004

4.5

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Kommentare

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Corinne47

vor 9 Jahren

schon 5x gesehn und immer noch top!


movie world filip

vor 9 Jahren

ich habe gerade das buch von dennis lehane auch gelesen... immer stark, in jedes detail... eine ware symphonie - starke leistungen von robbins und penn, und neben Letters from Iwo Jima der starkste und intelligentesten Eastwood Film überhaupt


skijump

vor 11 Jahren

Da bin ich nicht derselben Meinung wie Martin, der film ist äusserst gelungen und sehr spannend.


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