Dogville Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Norwegen, Schweden, Grossbritannien, USA 2003 – 177min.

Filmkritik

Die Schöne und die Biester

Filmkritik: Irene Genhart

Lars von Triers "Dogville" ist ein provokatives Flimmerstück. Die unschöne Begegnung einer schönen Frau mit der bigotten Bevölkerung eines amerikanischen Bergdorfes verpackt der Däne in ein formales Experiment.

Innovativ, kompromisslos und exzentrisch waren Lars von Triers Filmr immer, von "The Element of Crime" über "Epidemic", "Breaking the Waves" und "The Idiots" bis zu "Dancer in the Dark". Ein Genie, ein Kino-Erneuerer, aber auch ein Provokateur ist der Däne, er wird abwechselnd bejubelt und verflucht - mit gängigen Massstäben ist sein Werk auf alle Fälle nicht messbar. Am allerwenigsten sein neuster Film, "Dogville", der dieses Jahr in Cannes uraufgeführt wurde und da zur "Erleichterung" von von Trier keine Auszeichnung erhielt.

Es handelt sich dabei um den bisher provokativsten Streich des Dänen, wobei die Provokation nicht nur im Inhalt und in der zynischen Abrechnung mit den USA während des Abspanns steckt, sondern vor allem auch in der Inszenierung. Erzählt wird in satten 170 Minuten, wie die Bewohner eines winzigen, am Fusse der Rocky Mountains gelegenen Dorfes die schöne Grace bei sich aufnehmen.

Grace (Nicole Kidman)ist auf der Flucht vor Gangstern und Polizisten. Sie lohnt die Gastfreundschaft durch tatkräftige Mithilfe bei der Verrichtung alltäglicher Arbeiten, und vorerst scheint im bigotten Dogville durch das Erscheinen der geheimnisvoll-liebreizenden Fremden die Sonne etwas heller zu scheinen. Doch dann wird die Suche nach ihr intensiviert - und die Dogville-Bewohner werden sich des Risikos bewusst, das Grace für sie darstellt. Also lassen sie Fremde als Gegenleistung dafür, dass sie sie nicht verraten, noch mehr schuften als zuvor. Doch damit nicht genug: Die Männer beginnen Grace sexuell auszubeuten, und irgendwann bindet man sie im Rahmen kollektiven Wahnsinns wie einen Hund mit einer Kette fest.

Von Triers neuster Frauenfilm erinnert an "Breaking the Waves" und "Dancer in the Dark". Anders als die Genannten endet aber "Dogville" nicht mit dem Tod der Frau. Denn Grace ist, ihres Namens und engelhaften Aussehens zum trotz, kein Opferlamm, sondern ein Satansweib. Als Lars von Trier gegen Filmende ihr Geheimnis lüftet, nimmt "Dogville" - das Dorf und der Film - ein hoch dramatisches Ende.

Was "Dogville" erzählt, verstört und kann in Zusammenhang mit von Triers Geständnis, noch nie in Amerika gewesen zu sein und mit seiner in Cannes getätigten Äusserung, "Dogville" sei ein Kommentar dazu, wie sich Amerika in seinem Kopf darstelle, als nackter Zynismus gedeutet werden. Die wahre Provokation des Films steckt jedoch in der Reduktion der Inszenierung auf das Wesentlichste, deren Ursprünge laut von Trier bei Brecht und dem Dreigroschenopersong "Die Seeräuber Jenny" zu suchen sind.

Reduktion aufs Wesentliche bedeutet in diesem vollständig in einer Halle in Schweden gedrehten Film Reduktion auf fast nichts: Auf den Boden sind mit Kreide die Umrisse von Häusern, Strassen und Sträuchern aufgezeichnet. Zum Inventar gehören einige Möbelstücke, zwei, drei Türen, eine Kirchenglocke; zu den Requisiten zwei Autos und ein paar Besen. Der Wechsel von Tag und Nacht wird mittels Kunstlicht erzeugt, gedreht wird konsequent mit Steadycam und Handkamera. Das heisst alles nicht, dass "Dogville" kein aufwändiger Film ist.

Im Gegenteil: Weil die Häuser keine Wände haben und sich die Kamera frei bewegt, mussten während des ganzen Drehs immer alle Schauspieler anwesend sein und spielen. Wen interessiert, wie "Dogville" entstanden ist, dem sei Sami Saifs Dokfilm "Dogville Confessions" empfohlen, der die Dreharbeiten begleitet. "Dogville" selber ist nun aber ein wagemutiger Geniestreich. Einerseits abgefilmtes Theater, andererseits dank der grandiosen Arbeit von Kameramann Anthony Dod Mantle aber auch ein sehr filmischer Film. Der - was zum Schluss auch noch erwähnt sein soll - mit einem glänzend spielenden Schauspieler-Ensemble aufwartet, in dem sich die Namen internationaler Stars wie Nicole Kidman, Lauren Bacall, Paul Bettany, Jean-Marc Barr, James Caan, John Hurt und Udo Kier wie Perlen aneinander reihen.

24.08.2021

5

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Kommentare

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dulik

vor 3 Jahren

Einmal mehr ein sehr aussergewöhnliches Werk, welches Lars von Trier hier inszeniert hat. Die Kulisse besteht lediglich aus einer Art Theaterbühne, bei deren Gebäude, Tiere, oder Pflanzen nur mit weisser Farbe aufgemalt und mit der entsprechenden Beschriftung gekennzeichnet sind. Wenn sich dann die Schauspieler in dieser leeren Landschaft bewegen und sämtliche Tätigkeiten nur nachahmen, mag es zunächst etwas befremdlich und auch ein bisschen komisch wirken. Das nackte Schauspiel und die Dialoge kommen dadurch aber besonders zur Geltung und dies sind bei "Dogville" die ganz grossen Stärken. Die knapp drei Stunden Lauflänge merkt man dem Film überhaupt nicht an, trotzdem hätte man sich nach diesem langen Spannungsaufbau ein etwas ausgeklügelteres Ende mit Aha-Effekt einfallen lassen können.
9/10Mehr anzeigen


Gelöschter Nutzer

vor 14 Jahren

was in diesem film abgeht ist ja der wahn! miss kidman spielt wie immer super! sehr starker film!


leo82

vor 15 Jahren

Absolutes Meisterwerk, Kino wie im Theater, super gespielt und eine der Grausamsten Storys aus dem Kino, ohne jegliche Gewalt und Action dargestellt, ausser den letzten 30 sekunden aber die dürfen nach fast 3 Stunden auch wirklch sein!


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