Bowling For Columbine USA 2002

Bowling For Columbine

Filmkritik

Besorgte Bürger oder die Theorie der Angst

Filmkritik: Nathalie Jancso

Mit dem Dok-Film "Roger & Me" schrieb Michael Moore Filmgeschichte. Darin konfrontierte er den Vorsitzenden von General Motors mit den Auswirkungen der Massenentlassungen des Betriebs in den 80er Jahren. Genauso furchtlos, provokativ und sozialkritischer denn je macht er sich in seinem neusten Film auf, die Waffenvernarrtheit der USA zu hinterfragen. Zu recht wurde "Bowling for Columbine" in Cannes 2002 mit dem Sonderpreis der Jury geehrt.

Ausgangspunkt von Moores Recherchen in die waffennärrischen Seele der Nation ist das Massaker an der Columbine Highschool in Littleton im April 1999. Dabei töteten zwei Schüler zwölf ihrer Mitschüler und einen Lehrer und verletzten Dutzende andere. Kurz vor der Tat waren die beiden Jungs beim Bowling, ihrem Lieblingsfach an der Schule. Moores simple Frage dazu: "Kann Bowling zum Morden verleiten?" Eine nur scheinbar ketzerische Frage, die andere Erklärungsversuche, etwa den schlechten Einfluss von Heavy Metal und Shockrocker Marilyn Manson, ad absurdum führt. Pikantes Detail in diesem Zusammenhang: Manson, ein Idol der beiden Täter, sagte aus Pietät seine Konzerte nach der Tragödie ab. Charlton Heston jedoch, alternder Hollywood-Star und Präsident der NRA (National Rifle Association), hielt wenige Tage danach eine Brandrede in Littleton. Wieder einmal pochte er darin auf die Pflicht eines jeden besorgten US-Bürgers auf Selbstverteidigung und das Recht eine Waffe zu besitzen, wie es im 2. Artikel (Amendment) der US-Verfassung verankert ist.

Bevor Moore sich am Ende des Films unbekümmert Zutritt zu Hestons Villa in Hollywood verschafft und den selbstüberzeugten Star vor laufender Kamera als paranoiden Rassisten entlarvt, unternimmt er eine Reise durch seine Heimat. Er interviewt Mitglieder der NRA, der er selber auch angehört (!), Jungs aus Littleton, die das Bombenmachen aus dem "Anarchists Cookbook" gelernt haben, und den Freund des Bombenlegers von Oklahoma City. Er geht aber auch mit zwei Opfern des Columbine Massakers zum Firmensitz von K-Mart und erreicht mit seiner Hartnäckigkeit tatsächlich, dass die Supermarkt-Kette Patronen aus ihrem Sortiment nimmt.

Während man Moores Ausführungen und Beweisführungen atemlos folgt, kristallisiert sich langsam eine Theorie heraus, die der unerschrockene Mann mit der Kamera dem ganzen Film voranstellt: The Theory of Fear. Der satirische Höhepunkt des Films ist denn auch eine fünfminutige Zeichentricksequenz, animiert von Harold Moss, in der Moore seine "Theorie der Angst" mit einem kurzen Abbriss der Geschichte der USA belegt. Von der Furcht der Pilgerväter vor den Ureinwohnern über die Paranoia der Südstaatlern gegenüber den Sklaven bis zur Panik der Vorstädter vor den schwarzen "Inner-City-Gangs" ist die US-Geschichte für Moore geprägt von realen und irrealen Ängsten. Was mit Halloween, mit Horrorfilmen und Videogames auf der einen Seite in fiktionaler Form ausgelebt wird, erlebt in den Medien in krassester Weise einen Bezug zur Realität. Auf nationaler und lokaler Ebene mit täglich mehr Live-TV-Berichten über schiesswütige (meist afroamerikanische) Gangs in den Innenstädten und auf internationaler Ebene, wo die Angst vor dem andern nicht erst seit dem 11. September geschürt wird, mit Berichten über Terrorororganisationen und Regimes, die die westliche Zivilisation bedrohen.

Ist diese an Paranoia grenzende Angst vor äusseren Bedrohungen die Erklärung dafür, dass jedes Jahr in den USA über 10'000 Morde begangen, während im Vergleich dazu die friedlichen Kanadier, die im übrigen ebenso viele Waffen besitzen, nicht einmal auf 100 Morde kommen? Auch Moore kann diese Frage natürlich nicht schlüssig beantworten. Doch sein Film macht auf unterhaltsame Weise auf ein beängstigendes Phänomen aufmerksam. Er verbindet Wirklichkeit und Satire auf so gekonnte Weise, dass man sich von ungläubigem Lachen geschüttelt im nächsten Moment bereits wieder erschrocken die Hand vor den Mund hält. Kommt hinzu, dass der Mann, der in der Nähe von Hestons Geburtsort in Michigan aufgewachsen ist, also sozusagen aus dem bewaffneten Kernland kommt, und der National Rifle Association angehört, als durchaus 'patriotischer' Kritiker äusserst glaubwürdig daherkommt.

04.11.2004

5

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Kommentare

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Urs23

vor 8 Jahren

Moore at his best. Unglaublich dieser Typ^.


vanessa13

vor 15 Jahren

Jetzt seit doch mal ehrlich. Michael Moore hat uns schon in seinem Film "Fahrenheit 9/11" die Augen geöffnet. Er sagt was er denkt und er hat damit völlig recht. Amerika ist zur Krüppelnation umgewandelt. Leute wie Clinton oder Kennedy braucht die Welt, nicht solche Feiglinge wie zum Beispiel ein asozialer Bushfreak. Zuerst greift Mr. Bush ein Land an, was Amerika übrigens nie etwas zu Leide getan hat, um Vernichtungswaffen zu finden, die offenbar in diesem Land versteckt gehalten werden. Dann werden ganze LKWs voll Babyleichen abtransportiert. Männer verlieren ihre Frauen, Frauen ihre Männer, Kinder ihre Eltern, Eltern ihre Kinder, Grossmütter und Väter verlieren die ganze Familie und mehrere tausend Menschenleben werden vernichtet. Schlussendlich findet man keine Vernichtungswaffen, aber die Ölfelder gehören nun praktischerweise amerikanischen Firmen. Dann nimmt man noch schnell den Präsidenten fest und fertig ist die Sache. Ausser vielleicht dass amerikas Kassen leer sind. Moore will uns die Augen öffnen und bei 89% der Schweizer Bevölkerung hat er es geschafft. Die restlichen, kläglichen 11% wie z. B. Adrian haben irgendwie noch deftig was zu lernen. Danke Michael Moore, dass es Sie gibt!Mehr anzeigen


mimomimo

vor 16 Jahren

Er war einfach eindrücklich gemacht.


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