25th Hour USA 2002 – 135min.

Filmkritik

No Way Out

Stefan Gubser
Filmkritik: Stefan Gubser

Der 14. Spike Lee-Joint: Viel Thriller und noch viel mehr 11. September. Und ein Film, der sehr viel zu reden gibt, vor allem in den Vereinigten Staaten. Kann man mit einem Drogendealer die Befindlichkeit eines New York und Amerika zeigen, dem die Twin Towers genommen sind? Man kann. Was das heisst, ist eine andere Frage. Schauen wir mal.

24 Stunden noch, dann muss der Ex-Drogendealer Monty Brogan (Edward Norton, grossartig) eine siebenjährige Haftstrafe antreten. Nicht gerade viel Zeit, um mit der Freundin (Rosario Dawson, bezaubernd), dem Vater (Brian Cox, auch nett) und den beiden besten Freunden, Wallstreet Broker (Barry Pepper, brillant) und Highschool-Lehrer (Philip Seymour Hoffman, solide) ins Reine zu kommen. Monty will die Zeit nutzen, um herauszufinden, wer ihn bei der Polizei angeschwärzt hat. Er hat einen fürchterlichen Verdacht.

Aller kriminalistischen Oberfläche zum Trotz: Der 14. Spike Lee ist nicht wirklich ein Thriller. Sein wahrlich todernstes Thema heisst "11. September". Das ist sonnenklar, von allem Anfang an: Lange Einstellung auf Ground Zero, untermalt von schwer romantischem Orchestersound - Gänsehaut garantiert. Und wie ein Ostinato-Bass durchzieht den Film das Nicht-Mehr der Twin-Towers.

Lee's Neuster hat Amerikas Presse in zwei Lager geteilt. Moniert die eine Hälfte seine Taktlosigkeit, New York's unmenschliches Leid in der Figur eines Tunichtguts von Drogendealer gespiegelt zu sehen, so feiert die andere denselben Drogendealer als Fleisch gewordene Symbolfigur jenes American Spirit, dem das Land seine unvergleichliche Grösse verdankt und interpretiert den ganzen Film als erlösende Hymne an Amerika.

Die bessere Hälfte ist wohl keine von beiden. Spike Lee hat seit jeher eigensinnig darauf bestanden, den Groove einer Zeit in gebrochenen Charakteren einzufangen. Für das hurra-patriotische Abfeiern amerikanischer Tugenden fühlte er sich noch nie zuständig. Spike Lee's Ding ist der Widerspruch. Oder bildlich gesprochen: Ein Ort, an dem jeder jeden hasst. Aber ihn verlassen? No way. Der Lee-Topos der Schmähung, in "25th Hour" gesteigert ad extremum, drückt solches trefflich aus. In einer Schlüsselszene des Films beleidigt Monty jede soziale Gruppe der Stadt: Vom pakistanischen Taxifahrer über die koreanischen Feinkostwucherer bis hin zu den jüdischen Juwelieren - alle, wirklich alle kriegen ihr Fett in Form eines "fuck you" weg. Und trotzdem spricht aus dieser Tirade nicht nur Hass sondern auch Liebe, weniger Anklage als vielmehr Selbstbezichtigung, eher Selbstmord als Attentat.

Gutes Stichwort für ein schlechtes Ende. Im Grunde seines Herzens steht Spike Lee's Monty für das Eingeständnis von Ohnmacht. Da ist einer zwar leidenschaftlich erstens New Yorker und zweitens Amerikaner. Verheissen sind ihm sieben Jahre Haft. Und nichts, aber wirklich gar nichts deutet darauf hin, dass für ihn die zum Schluss entworfene Fantasie von Familie und normalem Leben dereinst wahr werden wird, von Glanz und Gloria ganz zu schweigen. Das Ende scheint: No way out. Keine schönen Aussichten. Wer das als eine Hymne an Amerika sehen will - bitte sehr.

07.06.2021

4

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Kommentare

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dulik

vor 2 Jahren

Ein sehr gutes Krimi Drama mit Edward Norton in der Hauptrolle als "Monty Brogan". Dieser muss nach seinen Verbrechen für sieben Jahre ins Gefängnis. Die Handlung von "25 Stunden" befasst sich mit den letzen 24 Stunden vor Antritt dieser Haft und bietet dabei einen eindrücklichen Einblick, wie dieses Gefühl für einen Kriminellen sein könnte. Doch auch die Nebenfiguren erhalten hier viel Screen Time und tragen zur Qualität des Filmes bei. Und die Moral der Geschichte: Jeder hat Gründe, weshalb er tut, was er tut und deswegen sollte niemand voreilig für sein Handeln verurteilt werden.
8/10Mehr anzeigen


Gelöschter Nutzer

vor 10 Jahren

Vor Antritt der 25. Stunde sieht einer wie die Schlinge langsam eng wird.


tga03

vor 19 Jahren

Habe den Film Gestern Abend Zuhause gesehen, und ich muss sagen, er war wirklich sehr überzeugend. Trotz den vielen Dialogen bleibt er spannend. Wenn man sich nur auf eine gewisse Szene bezieht, ist der Film vielleicht rassistisch, nicht jedoch wenn man ihn als ganzes betrachtet. Respect


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