...mit deiner Mutter auch! Mexiko 2001 – 106min.

Filmkritik

Verlust der Unschuld

Filmkritik: Remo Bräuchi

Alfonso Cuarón, war zuletzt bei uns vor drei Jahren mit seiner prominent besetzten Charles Dickens Adaption "Great Expectations" zu sehen. "Y tu mamá también" drehte er nach einem von ihm selbst und von seinem Bruder Carlos geschriebenen Drehbuch, das an den Filmfestspielen in Venedig ausgezeichneten wurde.

Tenoch (Diego Luna), Sohn eines reichen, konservativen Ministers, und Julio (Gael García Bernal), aufgewachsen als Sprössling einer alleinerziehenden Mutter, sind beste Freunde. Gerade sind ihre beiden Freundinnen, denen sie ewige Treue versprochen haben, für den Sommer nach Italien abgereist, da lernen sie auf einer Party die elf Jahre ältere Luisa (Maribel Verdú) kennen und alle ihre Versprechen sind vergessen. Um Luisa zu beeindrucken, erzählen sie der Spanierin von einem bevorstehenden fiktiven Trip aus der Stadt und laden sie - zunächstvergeblich - ein, mitzukommen. Doch ein paar Tage später entschliesst sich Luisa spontan, die Einladung der beiden Jungs doch anzunehmen und mit ihnen ans Meer zu fahren. Tenoch und Julio sind gezwungen, kurzfristig einen Ausflug zu improvisieren und tatsächlich geht's noch am gleichen Tag los - wenn auch mit etwas unklarer Destination.

Was folgt ist eine Art Roadmovie durch das mexikanische Hinterland. Schmutzige Witze werden erzählt, Joints werden herumgereicht. Das Ziel der beiden Jungs ist klar: die erfahrene Luisa zu verführen. Sie halten sich auch mit entsprechenden Anspielungen nicht zurück und Luisa geniesst die Aufmerksamkeit. Doch als sie sich williger zeigt als zunächst erwartet, sind die beiden Freunde nicht auf die damit verbundenen Konsquenzen vorbereitet.

In Mexico mutierte "Y tu mamá también" innert kürzester Zeit zum erfolgreichsten mexikanischen Film aller Zeiten. Wohl nicht ganz unschuldig daran waren die eifrig propagierten Sexszenen und die Tatsache, dass die meisten einheimischen Kritiker den Film mit "American Pie" in Verbindung brachten. Dies tut dem Film jedoch in vieler Hinsicht Unrecht. Cuaróns Film hat einen sehr viel ernsteren Unterton. Schon formal erinnert nichts an die Amerikanische Teen-Sex-Klamotte. Kameramann Emmanuel Lubezki ("Sleepy Hollow") arbeitete ausschliesslich mit natürlichem Licht, was dem Film eine rauhe und wilde Realität verleiht. Zudem unterbricht Cuarón immer wieder den Erzählfluss, friert die Bilder ein und lässt in der folgenden Stille eine Stimme aus dem Off erzählen, was in den Figuren tatsächlich vorgeht, wenn wir sie so unbekümmert lachen sehen. Die Kommentare, zunächst beiläufig und scheinbar wahllos, erhalten im Verlauf des Films einen immer kritischeren, zuweilen sogar einen surrealen Unterton und tragen viel zur psychologischen Vertiefung der Figuren bei.

Und spätestens wenn die eigentlich unpolitischen Jungs sich in ihrer Wut gegenseitig als Herrensöhnchen und Penner beschimpfen und sie auf ihrer Reise beim Blick aus dem Autofenster nicht nur die weite, karge mexikanische Landschaft vorbeiziehen sehen, sondern auch Landarbeiter am Strassenrand, die gerade von Polizisten mit Gewehren auf die Knie gezwungen werden, wird klar, dass es Alfonso Cuarón um sehr viel mehr geht als um ein simples Roadmovie mit viel Sex.

Der Film lebt von seinen Hauptdarstellern. Diego Luna und Gael Garcia Bernal (bei uns zuletzt in "Amores Perros" zu sehen), ebenfalls beide in Venedig ausgezeichnet, geben dem Film scheinbar mühelos die notwendige Intensität und wirken durchwegs überzeugend im Versuch, ihre eigene Identität zu finden, auch wenn dabei ihre Freundschaft zu zerbrechen droht.

"Y tu mamá también" ist ein Film über Freundschaft und die Dinge, die wir auch unseren besten Freunden nicht sagen, ein melancholisches Roadmovie und ein Film wie das Leben: manchmal wild, manchmal lustig, nicht immer schön und manchmal traurig und schmerzaft.

04.09.2007

4

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Kommentare

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Barbarum

vor 2 Jahren

Vor allem dank der Darsteller und den langen Takes wirkt der Film sehr direkt und ungekünstelt und erinnert an die Nouvelle Vague. Bedenkt man jedoch, dass er ein gutes halbes Jahrhundert später gedreht wurde, darf man festhalten, enthält und erzählt er nichts wirklich Bahnbrechendes.


movie world filip

vor 8 Jahren

tolle film über jungs... bis zum küssen und kotzen- witzig


joscuffil

vor 18 Jahren

mehr individuel, aber das hat ihn gut gemacht


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