Rosetta Belgien, Frankreich 1999 – 90min.

Filmkritik

Ganz unten

Sven Schwyn
Filmkritik: Sven Schwyn

Nach dem Erfolg mit La promesse stossen die belgischen Gebrüder Dardenne ihr Publikum erneut gefährlich nahe an die Abgründe der Wohlstandsgesellschaft. Sie lassen ihre Protagonistin Rosetta den Alptraum eines Lebens nach dem totalen sozalen Absturz durchleben.

Gerne verdrängen wir Gedanken an jene "ganz unten", die nichts haben, nichts können und nichts sind, ausser vielleicht Ziffern in einer Statistik. Luc und Jean-Pierre Dardenne geben einer solchen Ziffer Namen und Gesicht: Rosetta (Emilie Dequenne) lebt mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter in einem Wohnwagen irgendwo mitten und doch am Rand der ersten Welt. Ihr Alltag hat keine Höhepunkte, sondern wird dominiert vom nackten Kampf ums Überleben. Daneben hat nichts Platz, nicht einmal den "Luxus" einer Freundschaft kann sie sich leisten. Auf ihrer verzweifelten Suche nach Arbeit zögert sie keinen Moment, dem ihr zugeneigten Riquet (Fabrizio Rongione) die Seine abspenstig zu machen.

Die Brüder Dardenne haben sich in Belgien vor allem mit ihren mittlerweile über 50 Dokumentarfilmen einen Namen gemacht. Sie widmen sich gerne sozialen Extremen, so erstaunt die Themenwahl ihres vierten Spielfilms wenig. Die Kamera rennt gewollt holpernd und stolpernd mit Rosetta durch einen düsteren Film, macht so die Zuschauer zu Zeugen. Der Film ist eine bittere Pille, kommt aber ganz ohne erhobenen Zeigefinger aus. Er regt zum Nachdenken an, die Dardennes spielen sich aber nicht zu Moralaposteln auf, sondern überlassen gekonnt alles weitere den Zuschauern. Die Rechnung geht auf: Der Schreck sitzt umso tiefer.

Ihre Lebensumstände haben Rosetta zu einem gefühllosen Nervenbündel gemacht. Wärme und Zuneigung erhält sie höchstens von ihrem Haartrockner, dennoch hat Rosetta sich noch nicht aufgegeben. Ganz anders ihre Mutter (Anne Yernaux), die nur noch zwischen zwei Flaschen die Wahl hat: Alkohol und dem ekligen Inhaber des Campingplatzes, der sie zum Sex nötigt. Allen Mühen zum Trotz kommt Rosetta nicht vom Fleck und bricht letztlich unter dem nicht enden wollenden Schmerz zusammen. Am Ende des Abstellgleises angelangt, flüchtet sie sich in den einzigen Ausweg - und scheitert erneut.

Mit Emilie Dequenne haben die Dardennes eine unerfahrene, aber gerade deshalb sehr authentisch wirkende Hauptdarstellerin gewählt, die sich mit Haut und Haar in die Rolle begeben hat. Dequenne zu ihrer ersten Filmrolle: "Ich glaube, man muss Dinge selbst auslösen, wenn man will, dass etwas passiert. Man muss es wie Rosetta machen. Man muss immer kämpfen und vorwärts gehen." Bleibt zu hoffen, dass sie dabei mehr Erfolg als Rosetta hat.

24.05.2002

4

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Kommentare

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pfuteri

vor 12 Jahren

Habe diesen Film damals vor einem längeren Aufenthalt in Belgien gesehen. Hat meine Wahrnehmung für die Tristesse dieses Landes deutlich erhöht. Vielleicht auch überhöht. Der Film ist ein Faustschlag in die Magengrube. Ein guter, mentaler Lehrblätz für uns verwöhnte Schweizer, um wenigstens ein wenig mitzubekommen wie dreckig es einigen Menschen in der europäischen Gesellschaft geht.Mehr anzeigen


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