28 Tage USA 1999

28 Tage

Filmkritik

Das Leben auf dem Pannenstreifen

Sven Schwyn
Filmkritik: Sven Schwyn

Bisher kannte man sie nur aus den Nebensätzen abgestürzter Leinwandhelden: Die Rehabilitationszentren (kurz: Rehabs) für all jene, die allzusehr den bewusstseinserweiternden Substanzen frönen. In 28 Days zeigt uns Sandra Bullock, wie es einem an einem solchen Ort zwischen Gefängnis und Pfadilager ergehen kann.

Sie ist jung, schön und beliebt: Gwen (Sandra Bullock) lebt intensiv und exzessiv bis zu jenem Tag, es ist die Hochzeit ihrer Schwester, an dem sie eine Limousine in anderer Leute Vorgarten pflanzt und deswegen zu 28 Tagen Rehab verdonnert wird. Dort angekommen erwartet sie ein Albtraum: Händchen halten, Herzchen ausschütten, Liedchen singen, und über Lautsprecher verkündet eine Madame-Rottenmeier-Stimme die Abendveranstaltung: "How many brain-cells did I kill today?" Alles Dinge, die selbst massiv betäubt kaum erträglich wären. Doch die Alternative zur Rehab ist noch viel weniger verlockend, und so fügt sich Gwen aus Angst vor dem Gefängnis nach anfänglichem Sträuben in ihr Schicksal. Und sie beginnt, im Zusammenleben mit den anderen Patienten nicht diese 28 Tage, sondern ihr bisheriges Leben als Ausnahmezustand zu erkennen.

Dass Sandra Bullock einen Bus fahren kann, wissen wir ja bereits (Speed). Jetzt hat sie die Gelegenheit zu zeigen, wie es um ihre Schauspielerei bestellt ist. Und es wird schnell klar, dass sie zu weit mehr fähig ist, als bloss sich von Supermachohelden retten zu lassen. "28 Days" ist ein Anfang, dem hoffentlich weitere anspruchsvollere Rollen folgen werden. Von Seiten der Studios, die in jüngster Zeit Frauen als Thema und Publikum wiederentdeckt haben, dürfte in diese Richtung noch einiges zu erwarten sein. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass die Frauenquote in den Chefetagen der Produktionsfirmen langsam, aber immerhin am steigen ist. Mit Regie Betty Thomas (Howard Stern's Private Parts), Drehbuch Susannah Grant (Erin Brockovich) und Produktion Jenno Topping ist dieser Film sicher ein Beispiel für diese Entwicklung.

Wie realistisch ist das gezeichnete Bild eines Rehabilitationszentrums? Diese Frage kann ich leider auch nicht beantworten. Hier haben wir eine Frau, die erfolgreich den ersten Schritt aus ihrem Leben auf dem Pannenstreifen macht. Viele andere scheitern und umsomehr braucht es solche Institutionen. Es schadet sicher nicht, diese Botschaft ab und zu auf die Leinwand zu bringen - gerade in Nordamerika, das wie kein anderes westliches Land seine eigene Bevölkerung so zahlreich hinter Gitter bringt.

Ein Tipp noch: Wer eine mögliche Antwort auf die Frage "Is God an alcoholic?" nicht verpassen möchte, sollte nicht gleich beim Anlaufen des Abspanns aus dem Saal rennen.

13.07.2012

3

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vor 18 Jahren

Unterhaltsam und den eigenen Spiegel vors Gesicht halten


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