Das Grab der Leuchtkäfer Japan 1988 – 93min.

Filmkritik

Die grosse Tragödie der kleinen Menschen

Filmkritik: Gerhard Schaufelberger

Isao Takahatas Darstellung des Todes zweier Kinder führt uns die Ungeheuerlichkeit des Krieges vor. Der mit grosser Kunst animierte Film erzählt mit der Klarheit eines kindlich schauenden Auges vom grossen Leiden der japanischen Zivilbevölkerung unter den amerikanischen Bombenangriffen am Ende des 2. Weltkriegs. Ein Mahnmal für die Rechte des Kindes.

Japan, Frühling 1945. Die Städte brennen. Immer neue Geschwader dröhnen herbei und lassen Bomben regnen. M-69 oder Napalm heisst das Zauberwort, welches US-Generäle auf die "Unbesiegbarkeit" der Japaner entgegnen konnten. Mit diesen Waffen wurden die Hauptstadt und Dutzende von grossen und mittleren Städten systematisch vernichtet. Bei solchen Angriffen starben oft an einem einzigen Tag Hunderttausende von Menschen, grösstenteils Zivilpersonen. Unzählige verendeten später auf qualvolle Weise an den Folgen schwerer Verbrennungen. Wären diese Massenvernichtungsaktionen nicht von den Siegern begangen worden, würden sie - wie auch die Zerstörung deutscher Städte durch die alliierten Bomberverbände - wohl heute für Kriegsverbrechen gelten.

Die Mutter von Setsuko und Seita wird bei einem Brandbombenangriff schwer verletzt und stirbt wenig später im Spital. Der Vater ist Offizier bei der Flotte. Keine Nachricht von ihm. Von einem Tag auf den andern sind die Kinder auf sich selber gestellt. Zwar finden sie Unterschlupf bei Verwandten, doch diese haben nicht eben auf die beiden zusätzlichen Mäuler am Tisch gewartet. Die feindselige Stimmung bewegt Seita, den Haushalt der Tante zusammen mit seiner Schwester zu verlassen. Nun hausen die beiden in einem verlassenen Stollengrab, schlafen auf dem feuchten Erdboden; als sie nichts mehr kaufen können, leben sie von Gestohlenem und von Fröschen und anderem Getier, das sie für essbar halten.

"Das Grab der Leuchtkäfer" stammt wie das Fantasy-Epos "Princess Mononoke" aus Hayao Miyazakis Studio Ghibli und wurde unter der Regie von Isao Takahata produziert. Nosaka Akiyuki, der für den gleichnamigen Roman 1967 mit dem renommierten Naoki-Preis ausgezeichnet wurde, verarbeitet darin seine eigenen Kindheitserfahrungen. In Zeichnung und Farbgebung äusserst gefühl- und kunstvoll gemalt und animiert, lässt uns die Umsetzung des Romans als filmisches Drama die Schrecken des Krieges mit der staunenden Arglosigkeit des Kinderblicks beschauen und hinterlässt eine tiefe Betroffenheit. In Kontrast dazu steht die malerisch verträumte Ausführung der Naturszenerien; Bewegungen und Konturen von Tieren und Pflanzen, die Freude an der glitzernden Pracht der Glühwürmchen wirken so lebendig wie die Furcht vor dem nächsten vernichtenden Feuer, das vom Himmel fällt.

"Grave Of The Fireflies" gewann 1994 am Internationalen Kinderfilmfestival in Chicago den ersten Preis in der Kategorie "Rechte des Kindes". Der dargestellte Hungertod der kleinen Setsuko und die Selbstaufgabe ihres älteren Bruders Seita stehen als Aufforderung, die Rechte der Kinder endlich wahrzunehmen und global zu achten. Isao Takahatas Meisterwerk hat in inhaltlicher wie technischer Hinsicht auch 12 Jahre nach seiner Erstaufführung seinen hohen Wert bewahrt.

24.04.2015

5

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