Critique10. Mai 2021

Netflix-Kritik «Monster! Monster?»: Ein Leben am Scheideweg

Netflix-Kritik «Monster! Monster?»: Ein Leben am Scheideweg
© Netflix

Bereits 2018 auf dem Sundance Film Festival uraufgeführt, aber erst jetzt – Netflix sei Dank – einem breiten Publikum zugänglich: Anthony Mandlers Debütwerk «Monster! Monster?» , das von einem Gerichtsprozess gegen einen afroamerikanischen Teenager erzählt, der an einem Überfall mit Todesfolge beteiligt gewesen sein soll.

Filmkritik von Christopher Diekhaus

Steve Harmon (Kelvin Harrison Jr.) liebt die bewegten Bilder – und fühlt sich, so lässt er den Zuschauer gleich zu Beginn wissen, wie in einem Film. Sein Film ist allerdings ein denkbar schlechter, der auf ein beunruhigendes Ende zusteuert. Weil er angeblich bei einem Raub auf eine Bodega mitwirkte, deren Besitzer im Handgemenge starb, sitzt der 17-Jährige nun im Knast und wartet dort auf den Prozess, der seine Träumen von einem Studium an einer Filmhochschule begraben könnte.

Der raue Alltag im Gefängnis macht ihm zu schaffen. Die nächtlichen Schreie anderer Insassen brennen sich ihm ein. Und doch hat Steve nicht alle Hoffnung verloren, ist bereit, die Kontrolle über sein Leben, seine eigene Geschichte zurückzugewinnen und der voreingenommenen Öffentlichkeit zu beweisen, dass er nicht das Monster ist, als das ihn Staatsanwalt Anthony Petrocelli (Paul Ben-Victor) darstellt. An seiner Seite stehen seine Pflichtverteidigerin Katherine O’Brien (Jennifer Ehle) und seine Eltern (Jennifer Hudson und Jeffrey Wright), denen es in der Seele schmerzt, ihren Sohn an den Pranger gestellt zu sehen.

Ähnlich wie die Vorlage greift auch die Adaption die grosse Leidenschaft des Protagonisten in der Art, wie die Geschichte erzählt wird, auf.– Cineman-Filmkritiker Christopher Diekhaus

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«Monster! Monster?» basiert auf einem preisgekrönten Young-Adult Roman aus der Feder von Walter Dean Myers und stellt die erste Spielfilmarbeit des Musikvideoregisseurs Anthony Mandler dar. Ähnlich wie die Vorlage greift auch die Adaption die grosse Leidenschaft des Protagonisten in der Art, wie die Geschichte erzählt wird, auf. Nicht selten drängen Meta-Elemente in den Vordergrund. Steves Voice-over-Kommentare etwa leiten manche Szenen so ein, als würde er den Beschreibungstext eines Drehbuchs vorlesen. Wie ein Filmemacher eine gute Story bauen kann, ist ausserdem Thema in der Filmklasse, die der Teenager an seiner Highschool besucht. Dass eben dort der japanische Kinoklassiker «Rashômon» behandelt wird, der den subjektiven Charakter von Wahrnehmung und Erinnerung eindrücklich herausarbeitet, ist des Guten wahrscheinlich etwas zu viel. Spiegeln die Macher auf diese Weise doch nicht gerade sehr elegant, was auch in der Gerichtsverhandlung anklingt.

Besonders einprägsam sind die in einem Grauton gehaltenen Prozesssequenzen.– Cineman-Filmkritiker Christopher Diekhaus

Steves regelmässig einsetzende, über den Bildern liegende Reflexionen sollen der Figur und ihrer schwierigen Lage Tiefe verleihen. In manchen Momenten wird dieses recht bequeme Stilmittel aber leider überstrapaziert. Nichtsdestotrotz entfaltet «Monster! Monster?» eine reizvolle Dynamik, da wir ständig zwischen den verschiedenen Zeitsträngen hin- und herspringen. Rückblicke, die in wärmere Farben getaucht sind, führen uns in Steves Leben vor dem Überfall ein und zeigen, wie er den Mitangeklagten James King (Rakim Mayers alias ASAP Rocky) kennenlernt. Besonders einprägsam sind die in einem Grauton gehaltenen Prozesssequenzen. Der oft stark verengte Kamerablick übersetzt in visueller Form das bedrückende Gefühl, das der in die Enge getriebene Steve verspürt. Ins Auge springt auch, wie effektiv Zeugenbefragungen und Abschlussplädoyers ineinandermontiert werden. Anthony Mandler und Editor Joe Klotz ziehen in diesen Passagen das Tempo merklich an und steigern gleichzeitig die Intensität.

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Die bereits vor einigen Jahren abgedrehte Romanverfilmung besitzt noch immer Relevanz, weil sie rassistische Strukturen und Denkweisen sichtbar macht, die nach wie vor im amerikanischen Justizsystem und in der amerikanischen Gesellschaft anzutreffen sind. Obwohl Steve aus geordneten Verhältnissen kommt, ist allein seine Hautfarbe vor Gericht ein entscheidender Nachteil. Anders als ein weisser Angeklagter muss er viel härter um die Gunst der Geschworenen kämpfen. Zu den Stärken von «Monster! Monster?» zählt nicht zuletzt das ambivalente Ende, das den Betrachter mit einer nachhallenden Frage aus dem Mund des Protagonisten konfrontiert.

3.5 von 5 ★

«Monster! Monster?» ist ab sofort auf Netflix verfügbar.

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