Critique8. Oktober 2019

«Joker» Kritik: Joaquin Phoenix zeigt ein Oscar-würdiges Grinsen

«Joker» Kritik: Joaquin Phoenix zeigt ein Oscar-würdiges Grinsen
© Warner Brothers Switzerland

Mit seiner Neuinterpretation der aus dem Batman-Universum bekannten Schurkenfigur des Jokers sorgte «Hangover»-Regisseur Todd Phillips bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen von Venedig für eine faustdicke Überraschung. Immerhin konnte seine grimmige Charakterstudie den begehrten Goldenen Löwen für den besten Film ergattern.

Filmkritik von Christopher Diekhaus

Joker – so der schlichte Titel – spielt Anfang der 1980er-Jahre und gibt sich schon sehr früh als Hommage an zwei hochgelobte Werke der Regielegende Martin Scorsese zu erkennen, gemeint sind der fiebrige Grossstadtalbtraum «Taxi Driver» und die gallige Showbiz-Satire «The King of Comedy». Vom Start weg zwingen Todd Phillips und Ko-Drehbuchautor Scott Silver (Oscar-nominiert für das Skript zu «The Fighter») den Zuschauer in die Perspektive des psychisch instabilen Arthur Fleck (Joaquin Phoenix), der eigentlich von einer Stand-up-Karriere träumt, sich jedoch als Werbeclown über Wasser hält.

Selten hat sich eine Studioproduktion getraut, eine Comic-Figur auf derart unbequeme, aneckende Weise zu interpretieren.– Cineman-Filmkritiker Christopher Diekhaus

Tagein, tagaus pflegt er seine kranke Mutter Penny (Frances Conroy), und immer wieder bekommt er auf den Strassen des Molochs Gotham City am eigenen Leib die Rücksichtslosigkeit seiner Mitmenschen zu spüren. Als er in der U-Bahn von einigen Wall-Street-Gestalten drangsaliert wird, erschiesst er sie unerkannt mit einer Pistole, die er kurz zuvor von einem Kollegen erhalten hat. Die Tat befeuert nicht nur aggressive Proteste gegen das Establishment, sondern lässt Arthur endgültig in eine Abwärtsspirale stürzen.

Als Kommentar auf unsere arg stürmischen, konfrontativen Zeiten greift «Joker» sicherlich etwas zu kurz. Der nach den U-Bahn-Morden entfachte Furor hätte inhaltlich noch ein wenig unterfüttert werden müssen, um restlos glaubhaft zu wirken. Dass sich plötzlich alle möglichen enttäuschten Bürger auflehnen und symbolisch Clownsmasken überstreifen, erscheint im Gesamtkontext dann doch ein wenig behauptet.

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Joaquin Phoenix ist nicht der einzige, der schon in die Rolle des Jokers geschlüpft ist. Wen bevorzugt ihr als Batman-Antagonisten?

© Warner Brothers Switzerland

Seine Stärken hat das mit Thriller-Anklängen versehene Psychodrama, das sich vom üblichen Superheldentreiben deutlich unterscheidet, in der Darstellung des trostlos-bedrückenden Alltags des zum Joker reifenden Möchtegernkomikers. Arthurs Abstieg in den Wahnsinn wird zwar von einigen küchenpsychologischen Elementen begleitet. Sein verhängnisvoller Weg nimmt dennoch gefangen, da Phillips mittels düsterer Retrobilder und treibender Klänge eine dichte, bedrohliche Atmosphäre aufbaut und Joaquin Phoenix in der Hauptrolle eine geradezu schmerzhaft eindringliche Darbietung abliefert.

Allein die Momente, in denen der ausgemergelte Protagonist mit seiner Macke, einem unkontrolliert hervorbrechenden Lachen, ringt, sind von einer quälenden Intensität. Drehbuchmängel in der Charakterzeichnung gleicht Phoenix durch sein exaltiertes, aber facettenreiches, Oscar-würdiges Spiel überzeugend aus. Unter dem Strich ist Joker gewiss nicht vollends ausgereift. Selten hat sich jedoch eine Studioproduktion getraut, eine Comic-Figur auf derart unbequeme, aneckende Weise zu interpretieren. Schon deshalb lohnt der Gang ins Kino.

3.5 von 5 ★

«Joker» ist ab dem 10. Oktober in den Deutschschweizer Kinos zu sehen.

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