Kritik28. November 2019

Serientipp «His Dark Materials»: Reifer Fantasy-Stoff, der vieles richtig macht

Serientipp «His Dark Materials»: Reifer Fantasy-Stoff, der vieles richtig macht
© Sky Show

Mit der von HBO und BBC produzierten Fantasy-Serie «His Dark Materials» wurde nach dem Film «The Golden Compass» ein erneuter Versuch gewagt, die gleichnamige Romanreihe von Philip Pullman filmisch umzusetzen. Und die Serie macht im Gegensatz zum Blockbuster von 2007 sehr vieles richtig.

Kritik von Peter Osteried

Schon vor zwölf Jahren wagte man den ersten Versuch, Philip Pullmans Roman-Trilogie «His Dark Materials» filmisch umzusetzen – «The Golden Compass» blieb jedoch ein Einzelfilm, der in den USA unterging, im Rest der Welt einigermassen lief. Gerade diese Aufsplitterung machte es für die amerikanischen Produzenten aber nicht attraktiv, die beiden weiteren Bücher anzugehen.

Der Film war ein buntes Spektakel, das offenkundig im Fahrwasser der «The Lord of the Rings»- und «Narnia»-Filme zu segeln versuchte. Er scheiterte aber vor allem deswegen, weil man die komplexen Ideen in Pullmans Roman mehrheitlich weggelassen hat. Die neue Serie «His Dark Materials», die von BBC und HBO produziert wurde, geht einen anderen Weg. Man bleibt nahe an der Vorlage und adaptiert diese mit acht Folgen.

Im Zentrum der Geschichte: Das Mädchen Lyra (Dafne Keen).
Im Zentrum der Geschichte: Das Mädchen Lyra (Dafne Keen). © Sky Show

Im Mittelpunkt steht das Mädchen Lyra (Dafne Keen), das in einem alternativen Oxford aufwacht, in dem vieles wie in unserer Welt ist, manches aber auch nicht. So werden die Menschen von den sogenannten Dæmonen begleitet, die eine Manifestierung ihrer Seelen sind und dafür unterschiedliche Tiergestalt annehmen.

Im Buch ist dies ein wichtiges Element, in der Serie wird es jedoch auf seine plakative Wirkung reduziert, ist dieser Seelen-Avatar doch genau das, was man angesichts des Charakters erwartet – süss im Fall von Lyra, verschlagen im Fall ihrer Mutter und abenteuerlich im Fall ihres Onkels.

«His Dark Materials» ist reifer als andere Fantasy-Stoffe.– Cineman-Kritiker Peter Osteried

Pullmans Welt ist eine, die von Fantasy-Konventionen durchzogen ist, aber ein sehr reales Fundament hat, denn im Kern geht es ihm um den Konflikt des Humanismus gegen die staatlich-kirchliche Doktrin. Lyra steht für das humanistische Weltbild, die Gesellschaft für etwas gänzlich anderes – einen Klüngel aus Politik und dogmatischer Religion, deren Ziel es einzig und allein ist, ihre Macht zu bewahren.

Das macht «His Dark Materials» sehr viel komplexer als ähnlich gelagerte Fantasy-Stoffe, da diese Trilogie ein Thema aufgreift, für das man eine gewisse Reife haben muss. Gerade das wird in der Serien-Adaption sehr schön in den Fokus gerückt.

Unter anderem mit von der Partie: Der Schotte James McAvoy.
Unter anderem mit von der Partie: Der Schotte James McAvoy. © Sky Show

Darüber hinaus gefällt, dass die Serie offenkundig mit hohem Budget umgesetzt wurde. Die Besetzung ist erlesen – unter anderem sind James McAvoy, Ruth Wilson, Lin-Manuel Miranda und Andrew Scott dabei –, die Umsetzung aber ebenfalls.

Die Exterieurs und Sets sind imposant, die Effekte sind es auch. In der ersten Folge merkt man davon – von den Dämonen abgesehen – noch nicht viel, später wird das deutlich intensiver, was sich vor allem beim Eisbären Iorek zeigt, der für Lyra zum besten Freund und Beschützer wird.

Die Serie beweist, dass Vorlagentreue der Simplifizierung eines Blockbusters vorzuziehen ist.– Cineman-Kritiker Peter Osteried

Die Serie ist in jeder Beziehung hochwertig gestaltet. Dass man sich mehr als sechs Stunden Zeit nehmen kann, um die Geschichte des Romans in einer Staffel zu erzählen, ist ein immenser Vorteil, da so genügend Raum vorhanden ist, um sich zu entfalten. Es heisst, George R.R. Martin hätte damals den Film gesehen und daraufhin entschieden, dass er «Game of Thrones» nur als Serien-Adaption zulassen würde.

«His Dark Materials» tritt nun den Beweis an, dass eine der Vorlage treue Adaption der Simplifizierung eines Hollywood-Blockbusters in jedem Fall vorzuziehen ist. Und für Nachschub ist gesorgt: Die BBC und HBO waren von der Serie so angetan, dass sie schon vor Beginn der Ausstrahlung ankündigten, eine zweite Staffel zu produzieren.

3.5 von 5 ✭

Die erste Folge von «His Dark Materials» ist ab sofort auf Sky Show zu sehen, die weiteren Folgen werden wöchentlich jeweils am Montag veröffentlicht.

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