Kritik20. August 2019

Serien-Tipp «Mindhunter»: Etwas vom Besten, was Netflix zu bieten hat

Serien-Tipp «Mindhunter»: Etwas vom Besten, was Netflix zu bieten hat
© Netflix

Zwei Jahre ist es her, dass die erste Staffel von David Finchers Serie «Mindhunter» bei Netflix anlief. Jetzt gibt es endlich die Fortsetzung – und mit ihr, wie zu erwarten, auch einen Zeitsprung: Spielte die erste Staffel im Jahr 1977, so befindet man sich jetzt im Jahr 1980 – was die neuen Folgen nicht weniger intensiv und mitreissend macht.

Serien-Kritik von Peter Osteried

Die von Joe Penhall entwickelte Serie basiert auf dem Sachbuch „Mindhunter: Inside the FBI‘s Elite Serial Crime Unit“ von John E. Douglas und Mark Olshaker. Es befasst sich mit der Arbeit von Douglas und seinen Kollegen, die in den 1970er-Jahren durchaus gegen Widerstände das Profiling ins Leben riefen.

Die Figuren wurden fiktionalisiert. Agent Holden Ford (Jonathan Groff), der alles ins Rollen bringt, basiert auf John E. Douglas, sein Kollege Bill Tench (Holt McCallany) basiert auf dem Agenten Robert K. Ressler, der auch einige Bücher zum Thema verfasst hat, und Anna Torvs Figur Dr. Wendy Carr basiert auf der Psychologin Dr. Ann Wolbert Burgess. Man entschied sich, die Figuren zu fiktionalisieren, da sich dadurch dramatische Freiheiten ergeben, die insofern wichtig sind, weil «Mindhunter» auch sehr stark von der Charakterentwicklung lebt.

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Die Serie ist spannend und erschreckend zugleich.– Cineman-Kritiker Peter Osteried

Die Serie erzählt davon, wie dieses Trio mit inhaftieren Serienkillern sprach, Gemeinsamkeiten, Muster und Kategorien herausarbeitete und diese Kenntnisse auf aktuelle Ermittlungen anwandte. Beeindruckend ist nicht nur die filmische Visualität der Serie, es sind auch die teils gar verstörenden Interviews, welche die Agenten mit den Serienkillern führen. Die hierfür genutzten Dialoge wurden von den Autoren der Show von den echten Verhören adaptiert.

Hinzu kommt, dass man Schauspieler fand, die nicht nur ihren Vorbildern ähnlich sehen, sondern auch ein Gefühl zu vermitteln verstehen, welche Art von Raubtier hier vor den Agenten sitzt. Das Erschreckende ist dabei häufig, mit welcher Banalität sie von ihren Taten berichten. In der ersten Staffel sprachen Ford und Tench mit Edmund Kemper, Jerry Brudos und Richard Speck, in der zweiten treffen sie auf David Berkowitz, den sogenannten Son of Sam, aber auch auf Charles Manson. Letzterer wird von Damon Herriman gespielt, der Manson auch in Quentin Tarantinos neuem Film «Once upon a time in Hollywood» verkörpert.

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Zugleich erlebt man mit, wie ein anderer Mörder, der BTK-Killer, mit seinen Taten beginnt und mit der Polizei ein Katz- und Mausspiel treibt. Seine Anwesenheit ist der beste Hinweis darauf, dass man bei «Mindhunter» auf lange Sicht plant. Es gab zwischen den beiden ersten Staffeln einen dreijährigen Zeitsprung, weitere werden folgen müssen, wenn man die BTK-Geschichte auflösen will, da der Täter erst im Jahr 2005 gefasst wurde.

In der aktuellen Staffel geht es nicht nur um den Ausbau der Einheit und des Profiling-Systems, sondern auch um die Jagd auf einen Kindermörder in Atlanta. Die Serie kratzt dabei immer wieder am Klischee eines Ermittlers, der so gut in dem ist, was er tut, weil er – fast schon übersinnlich anmutend – wie die Täter denken kann, konterkariert dies aber, indem die Fehlbarkeit des Agenten gezeigt wird. Ein cleverer Schachzug, mit dem das realistische Fundament der Serie noch stärker ausgebaut wird.

Der brutale, schonungslose Realismus ist die Stärke von «Mindhunter».– Cineman-Kritiker Peter Osteried

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«Mindhunter» ist spannend und erschreckend zugleich, weil nicht nur in die Psyche der Täter, sondern auch der Ermittler eingedrungen und hinter die Fassade geblickt wird. Zugleich ist dies eine Serie, die wenig zeigt, aber der Phantasie Tür und Tor öffnet, was sich in keiner Szene besser widerspiegelt als der, als Tench mit einem Mann spricht, der den BTK-Killer getroffen und überlebt hat.

Es sind nur Worte, aber sie schneiden tiefer, als es jedes Bild eines blutigen Messers jemals könnte. Das ist die Stärke der Serie. Ihr brutaler, schonungsloser Realismus, der den Zuschauer zwingt, sich der unerkannten Raubtiere in ihrer Mitte gewahr zu werden. «Mindhunter» geht unter die Haut – und kribbelt länger, als es einem lieb sein kann. Eine der besten Serien, die es zurzeit zu sehen gibt.

4.5 von 5 ★

Die zweite Staffel von «Mindhunter» ist ab sofort auf Netflix verfügbar.

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Kommentare 1

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audioman

vor 23 Tagen

Dem kann ich nur beipflichten. Eine fantastische Serie. Spannend, dramaturgisch perfekt, grandios gespielt und geschrieben. Einfach nur brilliant.


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