Kritik26. Mai 2021

Film-Kritik «Arada»: Heimweh, lebenslänglich

Film-Kritik «Arada»: Heimweh, lebenslänglich
© Cineworx

Jonas Schaffter porträtiert drei Männer, die in der Schweiz straffällig geworden in das Land ihrer Herkunft ausgewiesen wurden. Im Zentrum seines Films stehen nicht deren Straftaten, sondern die Frage, welche Identität Menschen entwickeln, die ihr Leben lang zwischen zwei Kulturen stehen.

Filmkritik von Irene Genhart

Istanbul, zwei junge Männer. Sie kennen sich von der Arbeit in einem Callcenter, haben ähnliche Schicksale, teilen eine Wohnung und sprechen mit Jonas Schaffter so fliessend Schweizerdeutsch wie auf der Strasse Türkisch. Einer von ihnen, Duran, hat in der Schweiz eine Frau und einen kleinen Sohn.

...sie sind in der Schweiz aufgewachsen, haben in der Schweiz gelebt, aber keinen Schweizer Pass. Und sie sind in straffällig geworden...– Cineman-Filmkritikerin Irene Genhart

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Istanbul, ein anderes Viertel, eine andere Wohnung. Hier lebt Vedat. Er ist einige Jahre älter, arbeitet ebenfalls für ein Callcenter, seine Mutter ist mit ihm in die Türkei gezogen. Duran und Vedat sind in der Schweiz aufgewachsen, haben in der Schweiz gelebt, aber keinen Schweizer Pass. Und sie sind in straffällig geworden: Seit Annahme der Ausschaffungsinitiative 2010, schickt die Schweiz ausländische Staatsbürger, die in der Schweiz gewisser Straftaten überführt werden, in ihre Heimat zurück.

Sie bestreiten ihre Straftaten nicht, bereuen aber, das Leben in der Schweiz nicht gepackt zu haben.– Cineman-Filmkritikerin Irene Genhart

Jonas Schaffter zeigt seine Protagonisten bei der Arbeit, unterwegs in der Stadt, zuhause. An den Wänden ihrer Wohnungen hängen Erinnerungsstücke: eine Schweizerfahne, ein Panorama der Aare-Promenade in Solothurn, Familienfotos. Immer wieder wird telefoniert. Mit Familienmitgliedern, Freunden, manchmal mit einer Amtsstelle. Schaffters dritter Protagonist, Mustafa, ist 50- jährig. Er musste die Schweiz vor 25 Jahren verlassen, hat in der Türkei Militärdienst geleistet, ein zweites Mal geheiratet und bewirtschaftet einen kleinen Hof. Er hat in der Schweiz einen erwachsenen Sohn, in der Türkei zwei halbwüchsige Töchter.

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Vedat, Duran und Mustafa begegnen sich in Schaffters Film nie. Sie bestreiten ihre Straftaten nicht, bereuen aber, das Leben in der Schweiz nicht gepackt zu haben. Schaffter interessiert vor allem ihre Befindlichkeit. Wie es sich anfühlt, wenn man sich einrichten muss in einer Heimat, die man von Ferien zwar kennt, in der man sich letztlich aber doch fremd fühlt. Vedats Mutter kehrt zurück in die Schweiz und schenkt ihrem Sohn einen Hund, Duran bekommt einmal Besuch von Frau und Sohn, Mustafa hat mit seinem Sohn kaum Kontakt.

Schaffter hat seinen Film zwischen 2017 und 2018 in der Türkei gedreht. Er kommentiert nicht, sondern beobachtet, unter anderem auch, wie sich das politische Klima in der Türkei verändert. Sein Film regt zum Nachdenken an. Über die Schweizer Gesetzgebung, die politische Situation in der Türkei und die Bedeutung von Heimat.

3.5 von 5 ★

«Arada» ist ab dieser Woche im Kino zu sehen.

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