Artikel6. September 2021

Denis Villeneuve: Hollywood-Kino mit Anspruch

Denis Villeneuve: Hollywood-Kino mit Anspruch
© Sony Pictures

Nach Regieexzentriker David Lynch hat sich nun Denis Villeneuve an eine Verfilmung des Science-Fiction-Romans «Dune» von Frank Herbert gewagt – und die Chancen stehen gar nicht mal so schlecht, dass uns ein mitreissendes Kinoerlebnis erwartet.

Christopher Diekhaus

In seinen bisherigen Hollywood-Arbeiten, darunter den beiden Scifi-Werken «Arrival» und «Blade Runner 2049», gelang es dem Frankokanadier nämlich stets, Anspruch und Unterhaltung zu verbinden. Auch wenn Villeneuves französischsprachige Spielfilme – «Der 32. August auf Erden», «Maelström», «Polytechnique» und «Die Frau, die singt» – bereits seine Fähigkeiten aufblitzen lassen, konzentrieren wir uns hier auf die fünf Produktionen, die weitgehend im Studioumfeld entstanden und auf Englisch gedreht wurden.

1. «Prisoners» (2013)

Darum geht’s: Für den gläubigen Familienvater Keller Dover (Hugh Jackman) bricht eine Welt zusammen, als seine Tochter Anna (Erin Gerasimovich) und ihre Freundin Joy (Kyla Drew Simmons) während einer Thanksgiving-Feier spurlos verschwinden. Angeführt von Detective Loki (Jake Gyllenhaal), kann die Polizei nur wenig später einen Verdächtigen identifizieren und in Gewahrsam nehmen. Ohne stichhaltige Beweise muss der Chefermittler den geistig behinderten Alex Jones (Paul Dano) jedoch schnell wieder laufen lassen. In seiner Verzweiflung greift Dover daraufhin zu drastischen Methoden. Kurzerhand entführt er den jungen Mann, sperrt ihn in ein und versucht, den Aufenthaltsort der Mädchen aus ihm herauszuprügeln. Loki folgt derweil anderen Indizien.

Sehenswert, weil... der anfangs generisch wirkende Thriller moralische Grenzen auslotet und nicht den Fehler begeht, die Handlungen des Protagonisten zu rechtfertigen. Während in vielen Filmen über Selbstjustiz das Motto «Der Zweck heiligt die Mittel» regiert, wirft «Prisoners» einen kritischen Blick auf die Hauptfigur, die jegliches Mass verliert. Dovers Schmerz kann man einerseits gut nachvollziehen. Die wilde Entschlossenheit, die er in manchen Szenen an den Tag legt, ist aber ebenso verstörend. Jackmans zwischen Panik und blinder Wut changierende Performance geht unter die Haut. Auch Gyllenhaal liefert als ausgebrannter Polizist eine eindringliche Darbietung ab. Immer wieder gibt es Momente, in denen Villeneuve die Spannung fast ins Unerträgliche steigert. Und ganz entscheidend für die allumfassend düstere Stimmung sind die Bilder von Kameralegende Roger Deakins. Mit einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden und einer offenen Schlussnote hebt sich der packende Thriller zusätzlich von konventioneller Hollywood-Spannungsware ab.

4 von 5 ★

Verfügbar: On Demand

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2. «Enemy» (2013)

© IMDb

Darum geht’s: Das Leben des Geschichtsdozenten Adam Bell (Jake Gyllenhaal) scheint festgefahren. Tagein, tagaus quält er sich zur Arbeit und führt mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurent) eine in Sprachlosigkeit und mechanischem Sex erstarrte Beziehung. Aufgerüttelt wird er erst, als er in einem Film einen Komparsen entdeckt, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Von Neugier gepackt, macht Adam die Adresse des betreffenden Kleindarstellers ausfindig und steht irgendwann seinem Doppelgänger Anthony gegenüber. Die Begegnung der beiden Männer setzt eine unheimliche Abwärtsspirale in Gang.

Sehenswert, weil… Villeneuve mit seiner recht freien Adaption von José Saramagos Roman «Der Doppelgänger» gegen alle Regeln des klassischen Erzählkinos verstösst. Adam ist kein Sympathieträger. Vieles bleibt nebulös. Und der Film endet erstaunlich abrupt. Entstanden ist «Enemy» nicht im Hollywood-System. In die Liste gehört das Mystery-Drama aber schon deshalb, weil der Regisseur in der kanadisch-spanischen Koproduktion mit internationalen Stars wie Gyllenhaal, Laurent und Isabella Rossellini zusammenarbeitet. Wer sich für die rätselhaften Werke David Lynchs begeistern kann, dürfte auch hier auf seine Kosten kommen. Immerhin nutzen Villeneuve und Drehbuchautor Javier Gullón das Motiv des Doppelgängers, um eine mit Filmverweisen, sexuellen Symbolen und Identitätsfragen gespickte Geschichte zu entblättern. Nicht zuletzt dank eines bedrohlichen Scores und einer kränklich gelben Optik löst «Enemy» ein Gefühl durchdringender Verunsicherung aus.

Verfügbar: On Demand

3. «Sicario» (2015)

Darum geht’s: Nach einem unappetitlichen Einsatz mit ihrer Truppe für Entführungsfälle, bei dem sie die Brutalität der mexikanischen Drogenkartelle aus nächster Nähe erlebt, erhält die idealistische FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) das Angebot, einer Spezialeinheit beizutreten, die sich dem Kampf gegen die Rauschgiftringe verschrieben hat und der Leitung des hemdsärmeligen Geheimdienstlers Matt Graver (Josh Brolin) untersteht. Die junge Frau willigt ein und findet sich schon bald auf dem Weg zu ihrer ersten Operation in der mexikanischen Grenzstadt Juárez wieder. Schnell merkt sie allerdings, dass den US- amerikanischen Behörden im Kampf gegen die Drogenmafia jedes Mittel recht ist.

Sehenswert, weil… Villeneuve aus einer nicht gerade originellen Handlung ein Maximum an Nervenkitzel herausholt und, ähnlich wie in «Prisoners», moralische Ambivalenzen auslotet. Die vermeintlich gute Seite benutzt die gleichen grausamen Methoden wie die Verbrecher. Gemeinsam mit Kate, die jeglicher Illusionen beraubt wird, blicken wir auf eine Welt, in der Skrupel keinen Platz haben. Neben der pulsierenden Filmmusik des leider viel zu früh verstorbenen Isländers Jóhann Jóhannsson sind es einmal mehr die teilweise atemberaubenden Aufnahmen von Kameramann Roger Deakins, die «Sicario» zu einem Thriller mit echtem Mehrwert machen.

4 von 5 ★

Verfügbar: On Demand

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4. «Arrival» (2016)

Darum geht’s: Als zwölf ellipsenförmige ausserirdische Raumschiffe an unterschiedlichen Orten auf der Erde auftauchen, bricht helle Aufregung aus. Was wollen die Besucher? Kommen sie in friedlicher Absicht? Oder planen sie womöglich einen Angriff? Um diese drängenden Fragen zu klären, engagiert US-Colonel Weber (Forest Whitaker) die Sprachwissenschaftlerin Dr. Louise Banks (Amy Adams) und den Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner), die nach gescheiterten Annäherungsversuchen durch das Militär und die Geheimdienste den Kontakt zu dem fremden Wesen aufnehmen sollen. In Montana betreten die beiden Experten schliesslich das dort gelandete fremde Flugobjekt.

Sehenswert, weil… «Arrival» das Kunststück vollbringt, linguistische Methoden und Überlegungen zu unserem Verständnis von Zeit gewinnbringend in ein vertrautes Scifi-Kontaktszenario einzubetten. Während es in «Independence Day» ständig knallt und kracht, nimmt sich die Adaption der von Ted Chiang verfassten Kurzgeschichte «Story of Your Life» ausreichend Zeit, um die schrittweisen Erfolge der Sprachwissenschaftlerin nachzuzeichnen. Emotional wirkungsvoll ist auch die Art und Weise, wie der visuell bestechend umgesetzte Film Louises tragische Backstory mit der Alien-Begegnung verwebt. «Arrival» macht so viel richtig, dass man die vielleicht etwas zu sehr ausgereizten melodramatischen Töne am Ende leicht verschmerzen kann. Nach diesem ambitionierten Science-Fiction-Beitrag schien Villeneuve als Regisseur der Klassikerfortsetzung «Blade Runner 2049» genau die richtige Wahl zu sein.

5 von 5 ★

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5. «Blade Runner 2049» (2017)

Darum geht’s: Auch dreissig Jahre nach den Ereignissen aus Ridley Scotts Science-Fiction-Meilenstein «Blade Runner» ist Los Angeles umhüllt von einer Smogglocke. Riesige Reklametafeln und gigantische Hologramme bestimmen das Bild der überfüllten Metropole, in der nach wie vor neben Menschen auch künstliche Wesen, die sogenannten Replikanten, leben. Für das LAPD spürt Officer K (Ryan Gosling), ein besonders hochentwickeltes Exemplar dieser Spezies, aus der Produktion genommene Artgenossen auf, die ein Dasein im Verborgenen führen. Als der Polizist einen solchen Androiden tötet, macht er eine gefährliche Entdeckung, für die sich der blinde Geschäftsmann Niander Wallace (Jared Leto) brennend interessiert. Seine Chefin (Robin Wright) schickt K schliesslich auf eine heikle Mission, in der auch der vor dreissig Jahren verschwundene Rick Deckard (Harrison Ford) eine Rolle spielt.

Sehenswert, weil… der Film die hypnotisch-meditative Atmosphäre des Ursprungswerks einfängt, ohne eine billige Kopie zu sein. Wer Science-Fiction-Kino mit tempo- und actionreicher Handlung sehen will, sollte um «Blade Runner 2049» tunlichst eine grossen Bogen machen. Denn auch wenn es wuchtige Spektakelmomente gibt, setzt das stark ausgestattete Klassikersequel zumeist auf eine bedächtige Inszenierung und eine fast schon provokativ langsame Erzählweise. Auf der Folie einer Detektivgeschichte sinnieren der Regisseur und seine Drehbuchautoren über den Unterschied zwischen Menschen und künstlichen Geschöpfen und impfen dem Geschehen nach und nach echte Gefühle ein. Für seine abermals exquisit komponierten, erinnerungswürdigen Bilder erhielt der zum dritten Mal mit Villeneuve zusammenarbeitende Roger Deakins nach zuvor dreizehn erfolglosen Nominierungen verdientermassen seinen ersten Oscar.

4 von 5 ★

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