Interview7. März 2018

Aaron Sorkin über sein Regiedebut «Molly's Game», Metallica und die Macht des Pokers

Aaron Sorkin über sein Regiedebut «Molly's Game», Metallica und die Macht des Pokers
© Aaron Sorkin Screenwriting Masterclass

Die Geschichte von Molly Bloom hört sich zunächst so verrückt an, dass man glaubt, sie wurde fürs Kino geschrieben. Das hat auch Schauspieler und Drehbuchautor Aaron Sorkin erkannt, der die hollywoodreife Story der Princess of Poker für die Grossleinwand adaptierte und mit «Molly's Game» sein Regiedebut wagte.

Die unglaublich wahre Geschichte der Molly Bloom

Die Amerikanerin Molly Bloom startete ihre Karriere einst als professionelle Skirennfahrerin – nach einem tragischen Unfall während der Olympiade musste sie diese jedoch vorzeitig beenden und setzte von da an auf die Organisation von exklusiven Pokerturnieren, bei denen schon bald wichtige Namen aus Wirtschaft, Politik und Entertainment – Hollywood-Grössen wie zum Beispiel Leonardo DiCaprio – aufkreuzten.

2013 kam ihr das FBI auf die Schliche, weil unter anderem die russische Mafia zu ihren Stammkunden zählte. Ihre Geschichte verarbeitete die heute 39-Jährige in einem 2014 veröffentlichten Buch, das Regisseur Aaron Sorkin dazu veranlasste, die unglaublich verrückte Geschichte von Molly Bloom mit «Molly's Game» auf die Leinwand zu bringen.

Interview von Theo Métais

Molly’s Game ist so eine unglaubliche Geschichte.

Ich würde mich bedanken, aber die Geschichte ist nicht meine – ich habe sie nur für die Leinwand adaptiert.

Molly Bloom ist eine unheimlich fesselnde Person.– Aaron Sorkin

Wie sind Sie an den Film herangegangen bezüglich dem Schreiben und der Umsetzung? Es war ja Ihr erstes Mal als Regisseur.

Zuerst einmal hatte ich keine Ahnung, dass ich die Regie übernehmen würde, als ich das Drehbuch schrieb. Der Prozess lief so ab, dass ich das Buch von einem gemeinsamen Freund zugeschickt bekommen habe, der Molly und ihre Geschichte kennt. Mir hat das Buch super gefallen, weshalb ich Molly gerne kennenlernen wollte. Es stellte sich heraus, dass ihr Buch nur die Spitze des Eisbergs war: Sie ist eine unheimlich fesselnde Person.

Als sie bereit war, mir ihre gesamte beziehungsweise die echte Geschichte anzuvertrauen, hatte ich das Gefühl, dass sie eine einzigartige Filmheldin ist. Ich wollte die Story unbedingt niederschreiben. Ich bin so dankbar dafür! Der Produzent meinte dann, dass wir es auf die Leinwand bringen sollten. Immer nachdem ich etwas geschrieben habe, möchte ich, dass die bestmögliche Person die Regie übernimmt. In diesem Fall – nach viel Nachdenken und Gesprächen mit mir vertrauten Personen – hatte ich den Eindruck, dass das vielleicht ich selbst sein könnte.

Sie war eine knallharte Geschäftsfrau: Die Princess of Poker, Molly Bloom.
Sie war eine knallharte Geschäftsfrau: Die Princess of Poker, Molly Bloom. © Ascot Elite

Wie würden Sie es interpretieren, dass so viele Hollywood-Grössen beim Poker involviert sind?

Aaron Sorkin: Es ist ein Mysterium für mich, weil ich selbst überhaupt kein Spieler bin – es langweilt mich, ich kapiere es nicht. Es sind ja aber nicht nur Hollywood-Schauspieler, sondern wirklich viele Leute, die pokern. Molly spricht auch im Film darüber, dass es Typen gibt, die alles haben und für die nichts mehr aufregend ist bis auf den Nervenkitzel vor dem Gewinn. Es geht in der Regel nicht ums Geld, das sie anzieht – es erstaunt mich deshalb immer wieder, wenn es ihnen wirklich darum geht.

Ein Schauspieler, dessen Name ich nicht nennen möchte, machte es sich zum Ziel, in einem Jahr mehr Geld mit Poker als mit Schauspieljobs zu verdienen. Für einen gut bezahlten Schauspieler wie ihn ist das eine ziemliche Herausforderung. Ich glaube, dass Poker etwas Männliches, etwas Gefährliches an sich hat, das sie mögen. Abgesehen davon kann ich nur raten, weil ich wirklich nicht viel damit am Hut habe.

Im Zweifel für die Angeklagte: Im Film wird Molly vor Gericht von Idris Elba verteidigt.
Im Zweifel für die Angeklagte: Im Film wird Molly vor Gericht von Idris Elba verteidigt. © Ascot Elite

Für Molly heisst Erfolg in Hollywood, alleine und egoistisch zu sein. Würden Sie diese pessimistische Vision von Erfolg unterschreiben?

Aaron Sorkin: Nein, würde ich nicht. Ich kann aber verstehen, dass Molly aufgrund ihres Erfolgs eine solch pessimistische Einschätzung hatte. Es gab eine Zeit, da hat sie das wahrscheinlich anders gesehen, wenn man sie gefragt hätte. Es war nicht so sehr das Geld oder der Glamour, den sie genossen hat. Sie hat es genossen, wichtig zu sein, relevant zu sein. Ich glaube, das würde jeder geniessen – vor allem aber, wenn du von einer Familie stammst, in der du noch so erfolgreich sein kannst, aber nie so erfolgreich sein wirst wie der Rest der Familie. Das war ein grosses Ding in ihrem Leben. Und dann wurde es schnell einsam und hässlich – sie wollte nur noch raus.

 Nach dem Fall: Molly wurde auf einen Gerichtsbeschluss hin ein Jahr auf Bewährung gesetzt und musste 200 Sozialstunden ableisten.
Nach dem Fall: Molly wurde auf einen Gerichtsbeschluss hin ein Jahr auf Bewährung gesetzt und musste 200 Sozialstunden ableisten. © Ascot Elite

Molly Bloom könnte wohl kein härteres Schicksal getroffen haben.– Aaron Sorkin

Irgendwie erinnert Molly an das Lied namens „Master of Puppets“ von Metallica – sie hatte Geld, Fame, einen kometenhaften Aufstieg und eine dunkle Seite. Würden Sie sagen, dass Molly Rock’n’Roll ist?

Aaron Sorkin: Zuerst muss ich Ihnen sagen, dass ich es kaum glauben kann, dass Sie diesen Song erwähnen! Während den Dreharbeiten bekam ich eine Nachricht von meinem Cutter, dass er den Song gerne in einer Szene verwenden würde. Und ich sagte zu ihm, dass wir in einem frühen Stadium seien und er einfach mal ausprobieren solle. Ich wollte aber unbedingt von Originalmusik fernbleiben und so viel eigens für den Film komponierte Musik wie möglich integrieren. Es ist also lustig, dass Sie die gleiche Idee hatten! Und jetzt habe ich die Frage vergessen…

Hat Molly eine Rock’n’Roll-Einstellung?

Aaron Sorkin: Es gibt eine Metapher im Film, die zu Beginn schon angedeutet und zum Schluss gänzlich ans Licht kommt – dann, als sie über den Skistock fällt: Sie steht vor dem Abhang und hat ihr Leben durchgeplant. Es tönt nach einem guten Leben – nicht nur einem angenehmen, sondern auch einem rechtschaffenen Leben. Sie wird Recht studieren, an der Olympiade teilnehmen, wieder zurück an die Uni gehen und dann eine Firma gründen, die weibliche Unternehmerinnen unterstützt. Das ist selbstlos. Sie hat alles abgesichert.

Bis sie etwa hundert Meter vor dem Ziel über ihren eigenen Stock fällt und wortwörtlich von der Rennstrecke fliegt. Es könnte sie wohl kein härteres Schicksal getroffen haben, aber sie macht weiter. So knapp die Qualifikation verpasst zu haben, wirft sie während den kommenden fünfzehn Jahren völlig aus der Bahn. Sie gelangt immer weiter in diese Sache hinein und man weiss schon zu Beginn, dass dieser Pfad, auf dem sie sich befindet, nicht gut enden wird.

Die Chemie stimmt: Jessica Chastain und ihr Schauspielkollege Michael Cera.
Die Chemie stimmt: Jessica Chastain und ihr Schauspielkollege Michael Cera. © Ascot Elite

Jessica Chastain schafft es im echten Leben wie im Film, dich zum Lachen zu bringen. – Aaron Sorkin

Zwischen Jessica Chastain, Idris Elba und Kevin Costner herrscht eine gute Chemie. Wie haben Sie den Cast ausgewählt?

Da muss ich Ihnen zustimmen. Jessica mit Idris Elba, Jessica mit Kevin Costner, das hat wirklich super funktioniert. Sogar Jessica und Michael Cera, Jessica und Chris O'Dowd, Jessica und Jeremy Strong. Ich habe mich mit einer Handvoll von grossartigen Schauspielerinnen getroffen für die Rolle der Molly. Der härteste Teil davon war, fünf von ihnen eine Absage zu erteilen. Mein erstes Treffen mit Jessica war echt lustig, weil sie hingesessen ist und nach ein paar Floskeln einfach gesagt hat, das Treffen sei blöd und ich solle ihr doch einfach die Rolle geben.

Sie scherzte natürlich nur, aber ich habe ihr gesagt, dass sie Recht habe. Es war ihr Sinn für Humor, den sie mitgebracht hat. Eine Sache, die ich unbedingt im Film haben wollte, war Mollys Sinn für Humor. Er ist trocken und wirklich witzig. Sie kann zwar eine Knalltüte sein von Zeit zu Zeit, aber für eine seriöse Frau, die mit ernsten Dingen zu tun hat, kann sie dich extrem schnell zum Lachen bringen. Jessica hat mich auch zuvor schon zum Lachen gebracht, zum Beispiel in «The Help», da habe ich mich automatisch gut gefühlt, wenn sie auf die Bildfläche kam – sie kann das im echten Leben wie im Film.

Brachte den nötigen Humor für die Rolle mit: Jessica Chastain in «Molly's Game»
Brachte den nötigen Humor für die Rolle mit: Jessica Chastain in «Molly's Game» © Ascot Elite

Von der verrückten Geschichte der sogenannten Princess of Poker kann man sich ab sofort ein Bild machen: «Molly's Game» ist seit dem 8. März 2018 im Kino zu sehen.


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