Locarno 2012

Montagmorgen

06.08.2012, Simon Spiegel

Es ist Montagmorgen in Locarno, der Zeitpunkt, an dem sich die Spreu vom Weizen trennt. Die Wochenend-Festivalbesucher sind bereits abgereist oder machen sich heute auf den Weg, zurück bleiben die wirklich Hartgesottenen.

Hart war es auch für Christoph Schaub: Vor drei Jahren feierte er mit «Giulias Verschwinden» auf der Piazza Grande einen grossen Triumph, heuer wurde sein Film regelrecht weggeschwemmt. Einige ganz Tapfere harrten zwar im Regen aus - unter ihnen die Zürcher Stadtpräsidentin Corinne Mauch -, viele schauten den Film im Fevi, aber die ganz besondere Piazza-Grande-Magie wollte sich nicht einstellen. Daran konnte auch Ornella Muti (deren Ehe mit einem Schönheitschirurgen verblüffende Früchte trägt) nichts ändern, die vor dem Film einen Ehrenpreis entgegen nahm.

Ein Wort zu den Ehrenpreisen: Festivals sollen mit Stars aufwarten, und damit diese anreisen, muss das Festival etwas springen lassen. Die Folge ist, dass es in Locarno zu einer regelrechten Preis-Inflation gekommen ist. Es gibt neben dem Ehrenleoparden den Excellence-Award eines Champagner-Herstellers und noch anderen Kram, um die Prominenz zu beglücken. Der Pardo d'onore ging dieses Jahr an Leos Carax und wurde von einer Vertreterin eines Schweizer Teflon - paron - Telefonkonzerns überreicht, die offensichtlich keine Ahnung hatte, wer da vor ihr stand. Das Positive an diesem peinlichen Auftritt: Es wurde für jeden offensichtlich, um was es dem Sponsor tatsächlich geht - nämlich nicht um Filme.

Wenn wir gerade von Filmen sprechen, hier eine kurze Übersicht über die bisherige Ausbeute: Der satirische «Image Problem» hat wie erwartet die Zuschauer in zwei Lager geteilt, «Ruby Sparks», das neue Werke der Regisseure von «Little Miss Sunshine» ist witzig, hat aber mit einem typischen Dritte-Akt-Problem zu kämpfen und kommt insgesamt nicht an seinen Vorgänger heran. Im Wettbewerb fiel «Mobile Home» positiv auf, ein witziges Road Movie, dessen Protagonisten den ganzen Film über nicht vom Fleck kommen. Die Semaine de la critique, die Reihe des Filmjournalisten-Verbandes, die ich mitzuverantworten habe, konnte sich dreimal über volles Haus freuen. Ein besonderes Highlight war «Vergiss mein nicht». Der äusserst berührende und zugleich heitere neue Film von David SievekingDavid Wants to Fly») wurde sogar mit stehenden Ovationen gefeiert.

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