Locarno 2012

Unsterbliche auf der Piazza

03.08.2012, Simon Spiegel

Ein Filmfestival hat seinen eigenen Rhythmus; kaum in Locarno angekommen, stell sich der Körper auf Festivalzeit um, und ehe man es sich versieht, ist schon Freitagmorgen.

Bereits haben wir die unsägliche patriotische Einlage am Eröffnungsabend - die Landeshymne in ihrer ganzen Grässlichkeit und dazu noch viersprachig - fast verdrängt. Noch nicht ganz vergessen ist dagegen der gewohnt enthusiastische Auftritt von Festivaldirektor Marco Solari, der in einem leichten Anfall von Grössenwahn seine Zukunftsvision für das Festival skizzierte: In zehn Jahren soll Locarno für die internationale Filmszene so wichtig sein wie für die Schweizer. Wir prophezeien: Dieses Ansinnen wird scheitern.

Doch die überwältigende Szenerie der Piazza Grande provoziert Übertreibungen, davor sind selbst die ganz grossen Stars nicht gefeit. Alain Delon, eine der letzten Götter des französischen Kinos, überbot Solari am Donnerstagabend, als er erklärte dass ihm die Bezeichnung «Lifetime Achievement Award» nicht behage. Sein Leben sei noch nicht zu Ende, im Gegenteil. «Ich werde nicht sterben», verkündete Delon unter dem frenetischen Applaus des Publikums.

Auch von der Modefront gibt es Interessantes zu berichten: Als das Triumvirat Delon, Père, Solari auf die Piazza-Bühne schritt, trug nur Letzterer eine Krawatte. Delon, der auch mit 77 noch eine sehr gute Figur macht, trat lässig mit offenem Kragen an, um den Ehrenleoparden entgegenzunehmen, und machte damit offensichtlich Eindruck auf Père, der für einmal ebenfalls auf den Schlips verzichtete, dabei aber vergass, seinen Kragen zu richten. Was wir im Grunde chon immer gewusst haben, hat sich bestätigt: Nur wenige haben das Zeug zu einer Ikone vom Schlage Delons.

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