Der Leopard wetzt seine Krallen
30.07.2012, Simon Spiegel
Der Juli ist demnächst zu Ende und damit steht für alle Schweizer Filmliebhaber der Höhepunkt des Jahres an. Pünktlich zum Nationalfeiertag wird diesen Mittwoch das Filmfestival von Locarno eröffnet. Für Cineman als Blogger einmal mehr mit dabei: Simon Spiegel.
Das Schöne an Ritualen ist, dass sie stets gleich bleiben. Das schafft Vertrauen und Sicherheit. Und das Festival del Film Locarno, das dieses Jahr zum 65. Mal stattfindet, ist eine einzige Ansammlung liebgewonnener Rituale: Dass das Städtchen am Lago Maggiore ganz in Gelbschwarz erscheint und fast nur Schweizerdeutsch zu hören ist, gehört da ebenso dazu wie die lauen Abende auf der Piazza Grande, der Kampf um Plätze am Wochenende und die Klage über den Zustand des - je nach Wahl - Schweizer Films, des internationalen Wettbewerbs, der Filmpolitik oder des Wetters.
Was ist für die diesjährige Ausgabe zu erwarten: Der künstlerische Leiter
Olivier Père sitzt bei seinem dritten Festival fest im Sattel. Vor allem die Piazza Grande hat Père in seinen ersten beiden Jahren gekonnt bespielt und den Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und Massentauglichkeit gut gemeistert. Ein wichtiger Faktor hierbei war zweifellos seine Liebe zum Trash, der er bei der Auswahl der Mitternachtsfilme frönte. Auch beim Internationalen Wettbewerb konnte Père eine Qualitätssteigerung erreichen, die Grenzen sind hier allerdings klar abgesteckt. Seine Tendenz, die Kriterien aufzuweichen und immer mehr Dokumentarfilme in dem Spielfilmwettbewerb zu zeigen, ist allerdings doch ein bisschen fragwürdig (nicht zuletzt, weil es einen fairen Vergleich praktisch unmöglich macht).
In Sachen Stars kann das Festival zwar nicht wie vergangenes Jahr mit einem
Harrison Ford aufwarten, Namen wie
Kylie Minogue,
Alain Delon,
Charlotte Rampling,
Harry Belafonte,
Gael García Bernal,
Ornella Muti und
Valeria Bruni Tedeschi sind allerdings auch nicht zu verachten. Aus Schweizer Sicht sind einige besonders interessante Filme zu vermerken: Mit «
Nachtlärm» von
Christoph Schaub («
Giulias Verschwinden») und «
Das Missen Massaker» (nur richtig bzw. richtig falsch ohne Bindestrich) von «
Sennentuntschi»-Regisseur
Michael Steiner werden zwei potenzielle Kassenschlager auf der Piazza Grande gezeigt. Ebenfalls für Aufsehen dürfte «
Image Problem» von
Simon Baumann und
Andreas Pfiffner sorgen: Eine rotzfreche Satire auf die Schweiz, die im Internationale Wettbewerb gezeigt wird.
Wenn wir von Ritualen und Traditionen sprechen, muss auch eine traurige Neuerung erwähnt werden: Claudia Laffranchi, die während Jahren als Moderatorin auf der Piazza Grande fungiert hat, ist diesen Mai im Alter von nur 49 Jahren gestorben. Die Piazza wird diesen Mittwoch also ein neues Gesicht erhalten.