Freude herrscht
07.08.2008, Stefan Gubser
Heute bei mir auf dem Programm: «Io sono un autarchico», der Erstling von Nanni Moretti. In dem morgenfüllenden Super 8-Film war fast alles drin, was Morettis wunderbare Werke auch dreissig Jahre später noch ausmacht. Solche Sätze: «Mein Arbeiten bestimmt ein Moment des Widerspruchs», doziert der bärtige junge Mann, in dessen Theaterstück Nanni Moretti eine kleine Rolle besetzt.
Morettis Figur ist Widerspruch: Michele tut mit in der revolutionären Groteske, aber kaum trägt einer eine Fahne der AS Roma durchs Bild, sind Gesellschaft und Kunst, ist das Sollen und Wollen vergessen: Er muss zum Fussball. Was Michele vorführt, leben auch andere nach. Man hat zwar in der Wohnung einen Bücherschrank voller Marxisten herumstehen. Und die liest man, obwohl sie vor lauter Jargon kaum zu verstehen sind. Aber hinter den breiten Buchrücken verbirgt sich eine eigentlichere Eigentlichkeit. Nackige Frauen, gedruckt auf Hochglanzpapier.
Schmuddel? Knuddel! Man wolle die Grenzen zwischen Bühne und Publikum aufheben, erklärt der Regisseur im Anschluss an die allerletzte Vorstellung: «Und jetzt lasst uns das alles diskutieren!» Als er zu monologisieren aufhört, ist das Publikum längst nach Hause gegangen. Oder eingeschlafen.
Abends stand Fussball an, das traditionelle Spiel zwischen der Filmindustrie und der Filmkritik, das immerhin schon auf Seite 383 im offiziellen Festival-Guide erwähnt wird. Ich glaube, wir waren die Kritik. Ziemlich sicher bin ich, dass wir zwölf Tore mehr schossen als der Gegner; erhalten haben wir gerade mal eines. Rechne.