Es ist ja so eine Sache mit historischen Ereignissen: Historiker durchforsten akribisch zeitgenössische Quellen, stellen die Fakten in nationale und globale Kontexte und dann bleiben eine handvoll Akteure und irrsinnig viele Jahreszahlen übrig, die von Schülern auswendig gelernt werden. Irgendwann später macht jemand einen Film oder einen Roman aus dem Stoff und dann scheint das Interesse am Ereignis auch gestillt. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass schon seit längerer Zeit historische Ereignisse von hintenherum bzw. von der Seite erzählt werden, indem man den Protagonisten einfach eine (fiktionale) Figur zur Seite stellt und so einen neuen Blickwinkel hat.
Auch der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, Les adieux à la reine von Benoît Jacquot, erzählt Geschichte aus einer anderen Perspektive. Der gewohnte Alltagstrott am Hofe Ludwig XVI. wird von einer beunruhigenden Nachricht gestört: Das Volk habe sich bewaffnet und die Bastille gestürmt. Es ist Juli 1789. Die junge Sidonie Laborde lebt ebenfalls im Schloss Versailles. Sie ist als Vorleserin für Marie Antoinette angestellt und gehört somit zum engeren Kreis der Entourage der Königin. Sidonie ist beunruhigt über die Entwicklungen im Lande, denn sie verehrt ihre Herrin. Und während auf der einen Seite versucht wird, die Ereignisse herunterzuspielen, werden bereits Fluchtpläne geschmiedet.
Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Chantal Thomas erzählt Jacquot anhand der Bediensteten im Schloss Versailles von den Anfängen der Französischen Revolution. Dabei versucht er vor allem, die bedrohliche Ungewissheit stilistisch umzusetzen: Sidonie bewegt sich stets raschen Schrittes durch das Schloss und wird mit wackelnder Kamera verfolgt, immer wieder musikalisch untermalt von dissonanten Streichern. Das schafft zwar die gewollte Stimmung der Unruhe, Spannung vermögen diese Kunstgriffe allerdings nicht zu generieren.
Die betonte Beiläufigkeit des geschichtsträchtigen Ereignisses spiegelt sich leider auch in der Dramaturgie wider. Jacquot verliert sich immer wieder in der großen Unruhe, lässt seine Protagonistin durch die bedeutungslos erscheinenden Säle und Flure hetzen und das Getuschel und die Mutmaßungen über die Revolution aufschnappen. Zum großen Teil agiert Sidonie als passive Beobachterin und Zuhörerin, wodurch eine Identifikation seitens des Zuschauers verwehrt bleibt. All die einzelnen Momente der Inszenierung sind zwar logisch erklärbar, jedoch funktionieren sie in ihrer Summe nicht.
Zudem interpretiert Diane Krüger ihre Marie Antoinette leer und inhaltslos - leider nicht im positiven Sinne. Gerade die Rolle der betont desinteressierten, in Modemagazinen blätternden und Stickereien ordernden Monarchin, die zugleich hellwach das Ausmaß der Rebellion des Volkes begreift, hätte einer intensiveren Darstellerin bedurft. Ein Symptom, an dem Les adieux à la reine generell krankt: man bekommt die Idee, was für ein großartiger, flirrend-beunruhigender Film es hätte werden können, atmet aber nur den schalen Duft der Revolution.