| Land (Jahr): | USA (2011) |
| Genre: | Action, Drama |
| Filmlänge: | 95min |
| Regie: | Nicolas Winding Refn |
| Kinostart: | 05.01.2012 |
| 12.10.2011 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Hossein Amini |
Ryan Gosling: «Ich baue ganz gerne Möbel.»
Der grosse Schweiger spricht: Hollywoods Superstar der Stunde über geheime Leidenschaften, schlechte Kinderfilme und erste Gehversuche als Regisseur.
Sie waren zuletzt sehr oft in höchst unterschiedlichen Filmen zu sehen. Wonach suchen Sie Ihre Rollen aus?
Das ist sehr verschieden. Eine Weile lang hatte ich zum Beispiel Lust, mal einen Superhelden zu spielen. Aber leider waren all die spannenden Comic-Verfilmungen längst vergeben. Dann landete Drive auf meinem Tisch und ich hatte das Gefühl, daraus könnte man etwas Vergleichbares machen. Wobei das Spannende eben ist, dass der Kerl, den ich spiele, natürlich nicht wirklich ein Superheld ist, sondern jemand der ein paar solcher Filme zu viel gesehen hat und das auf sein eigenes Leben überträgt.
Der Zuschauer erfährt nie, wie dieser Mann eigentlich heißt. Und er spricht kaum.
Das fand ich als Schauspieler sehr erholsam. Kurz zuvor hatte ich Blue Valentine gedreht, wo wir unglaublich viel reden, streiten und improvisieren mussten. Das war ziemlich anstrengend, und ich danach wirklich erschöpft. Es hätte mich bei Drive deswegen auch nicht gestört, wenn wir ganz auf die Dialoge verzichtet und einen Stummfilm gedreht hätten.
Aber ist es nicht viel schwieriger, eine Figur zum Leben zu erwecken, wenn man kaum Dialoge hat?
Vielleicht ist schwieriger nicht das richtige Wort. Aber auf jeden Fall anders. Und man braucht natürlich Kollegen um einen herum, die einem das Sprechen abnehmen. Eine derart in sich zurückgezogene Figur wird ja erst dann interessant, wenn sie mit anderen konfrontiert wird, die nicht so sind wie sie. Deswegen haben in diesem Fall letztlich Carey Mulligan, Albert Brooks und die anderen Schauspieler erst ermöglicht, dass ich diesen Mann so spielen konnte wie ich es getan habe.
Wie wird man denn aber selbst warm mit jemandem, der so wenig von sich preisgibt? Wie haben Sie sich eingefühlt in diesen Mann?
Ich bin die Sache angegangen wie einen Werwolf-Film, nur eben ohne Spezialeffekte. Dieser Mann trägt unter der Oberfläche ein enormes Gewaltpotential mit sich herum und hat eigentlich permanent Angst, jemanden zu verletzen. Deswegen versucht er nach Kräften einen Weg zu finden, diese Aggression in etwas Positives zu verwandeln. Aber genau wie bei Werwölfen kommt auch bei ihm irgendwann der Punkt, wo er diese gewisse Seite seiner Persönlichkeit einfach nicht mehr unterdrücken kann und sie mit Wucht zum Vorschein kommt.
Eine andere Seite der Figur ist natürlich das Fahren, ihre Liebe zu Autos. Das war sicher leichter nachzuempfinden?
Eigentlich hatte ich vor dem Film nicht die geringste Ahnung von Autos. Aber dann habe ich mir unser Filmauto vorgeknöpft, diesen coolen 1972er Chevy Malibu. Den habe ich in seine Einzelteile zerlegt und Schritt für Schritt wieder zusammengebaut und auf Vordermann gebracht. Unter Anleitung eines Fachmanns natürlich. Nur von der Elektronik habe ich sicherheitshalber die Finger gelassen. Jetzt kenne ich dieses Auto jedenfalls wie meine Westentasche. Allerdings auch wirklich nur dieses. Von allen anderen habe ich immer noch keine Ahnung.
Fahren Sie denn gerne?
Nachts mit dem Auto durch Los Angeles zu fahren ist sozusagen ein Hobby von mir. Selbst während der Dreharbeiten sind der Regisseur Nicholas Winding Refn und ich abends noch stundenlang durch die Stadt gefahren und haben Musik gehört. Da sind Realität und Fiktion also fast miteinander verschmolzen, und der Film selbst ist so etwas wie die Essenz seiner eigenen Entstehung. Am Steuer saß übrigens immer ich, denn Nic hat gar keinen Führerschein und eigentlich auch Angst vor jeder Art von Geschwindigkeit.
Sie und Nicholas wurden im Verlauf des Drehs zu engen Freunden. Was verbindet Sie?
Wir haben beide schon seit unserer Jugend eine beinahe ungesunde Leidenschaft für Filme, die uns sehr geprägt hat. Er hat sich jeden Morgen vor der Schule Texas Chainsaw Massacre zum Frühstück angeschaut. Und ich habe mir schon in der ersten Klasse Rambo reingezogen - und bin dann am nächsten Morgen mit einem Set Steakmesser in die Schule gekommen, die ich in der Pause durchs Klassenzimmer warf. Natürlich wurde ich suspendiert, und meine Eltern kontrollierten fortan ganz genau, dass ich nur noch Kinderfilme gucke. Aber dass Filme eine so unglaubliche Kraft auf mich ausüben, ist bis heute so geblieben.
Ist also auch damals schon der Wunsch geboren, eines Tages Schauspieler zu werden?
Der Grundstein war mit dieser Rambo-Erfahrung ohne Frage gelegt. Bei Rocky lag der Fall genauso: Am nächsten Tag habe ich sofort angefangen, mich zu prügeln, weil ich dachte ich könne auch so kämpfen. Diese Filme zogen mich sofort und unmittelbar in ihre Welt hinein.
Eine weitere Ihrer Leidenschaften ist die Musik?
Ja, wobei sich meine Gehversuche als Musiker eher zufällig ergeben haben. Ursprünglich wollte ich zusammen mit einem Kumpel ein Theaterstück auf die Beine stellen, doch die Sache erwies sich als recht kostspielig und wir fanden keine Geldgeber. Aber die Geschichte, die wir erzählen wollten, ließ uns nicht los, und weil es heutzutage kaum noch etwas kostet, CDs aufzunehmen, übertrugen wir sie schließlich in Musik. Weder er noch ich spielten irgendwelche Instrumente, also nahmen wir uns ein Jahr Zeit, das zu lernen. Ich in meinem Fall Gitarre, Bass und Klavier. Am Ende kam dann unser Album Dead Man's Bones heraus.
Das war also kein einmaliges Experiment?
Oh nein. Wir gingen damit 2009 auch auf Tour und gründeten dafür eine echte Band. Und weil wir irgendwann wieder eine Theateridee hatten, für die sich wieder keine Investoren auftreiben ließen, arbeiten wir aktuell an einem zweiten Album. Gleiche Band, aber anderer Sound. Und dieses Mal haben wir die Instrumente getauscht, also versuche ich mich jetzt am Schlagzeug und an den Synthesizern.
Haben Sie noch andere Hobbys und Talente, Sie Tausendsassa?
Wenn ich die Zeit finde, baue ich ganz gerne Möbel. Das Tischlern habe ich damals für die Nicholas Sparks-Verfilmung Wie ein einziger Tag gelernt. Aber erst in letzter Zeit habe ich mich wirklich damit beschäftigt und entwickle auch gezielt Designideen für ein paar Möbelstücke. Und ein paar Projekte als Regisseur bereite ich übrigens auch vor.
Klingt fast, als seien Sie der Schauspielerei schon überdrüssig.
Auf keinen Fall! Die Schauspielerei ist beinahe ein Zwang für mich, im positiven Sinne. Ich stehe nicht auf alles, was dieser Beruf mit sich bringt. Pressearbeit und rote Teppiche sind für mich kein Vergnügen. Aber das Spielen vor der Kamera übt auf mich eine magische Anziehung auf. Ich muss es einfach immer und immer wieder tun, ohne das ich konkret benennen könnte warum eigentlich. Und gerade dieses Mysterium macht es erst richtig interessant. Der Tag, an dem ich herausgefunden habe, was genau für mich den Reiz an der Schauspielerei ausmacht, wird wahrscheinlich der Tag sein, an dem ich damit aufhöre.
[Ryan Gosling wurde interviewt von Patrick Heidmann]
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