Der böse Onkel sorgte bereits im Vorfeld für Schlagzeilen - von den Dreharbeiten bis zur Aufführung an den Solothurner Filmtagen 2012. Zahlreiche junge Frauen wurden für eine Massenszene gesucht - nackt. Der «Blick» war dabei. Vor der Solothurner Premiere wurden Vorwürfe einer beteiligten Frau aufgebauscht, die den realen «Fall Möriken» ins Rollen brachte und Odermatt des Plagiats bezichtigte. Nur hatte der sein Stück vor dem wirklichen Missbrauch-Vorfall geschrieben.
In Der böse Onkel geht es nur oberflächlich um sexuellen Missbrauch. Armin (Jörg-Heinrich Benthien), der angesehene Sportlehrer in einem Aargauer Dorf, hat eine etwas eigenwillige Auffassung von Körperertüchtigung. Die Schülerinnen eines Gymnasiums hetzt der ehemalige Spitzensportler auch mal nackt in der Turnhalle umher und scheut keinen körperlichen Kontakt. Die Mädchen lassen sich von dem Bild von Mann gerne betatschen, sogar vernaschen. Nur Saskia (Paula Schramm) nicht, die es mit ihrer Mutter Trix Brunner (Miriam Japp) eben erst von der Stadt ins Dorf verschlagen hat. Die Neue wird ausgegrenzt - ihre Mutter bei der Schulbehörde aktiv. Doch deren Leiterin (Verena Berger) lässt freilich nichts auf ihren Schul-Sportcrack kommen. Trix will den fehlbaren Sportlehrer entlarven und «entschärfen», ein Boulevard-Reporter (Pascal Ulli) soll dabei helfen.
Um den Lehrer, dessen Sex-Phantasien und die der Schülerinnen baut Odermatt seinen verstörenden Film auf; er setzt böse gesellschaftskritische Stiche, verhöhnt Biedermass und bürgerliche Engstirnigkeit. Teilweise überhöht er den Realismus um monströse Bilder und Metaphern. Da kann ein Eiland in der Aare schon mal zur Toteninsel werden. Die Grenze zwischen Opfer und Täter verwischen, jugendliche Triebe und erwachsenes Begehren kreuzen sich, schwarzer Humor paart sich mit morbider Tragödie.
Zweifellos legt Urs Odermatt (Mein Kampf) einen der provokantesten und irritierendsten Schweizer Filme in jüngster Zeit vor. Am «Bösen Onkel» wurden neue Produktions- und Finanzierungsmethoden erprobt und realisiert - ohne die üblichen Subventionen und Fördermittel. Die Filmbeteiligten haben ihre Leistungen zu 100 Prozent in das Filmprojekt investiert. Der Produktion standen nur gut 60'000 Franken zur Verfügung. Auf jeden Fall ein aussergewöhnlicher Film - roh, radikal, aufreizend, auch sperrig, spektakulär und spannend. So oder so sehenswert.
So etwas verrücktes gibt es selten, absolut sehenswert!