| Land (Jahr): | USA (2010) |
| Genre: | Drama, Musical |
| Filmlänge: | 120min |
| Regie: | Steve Antin |
| Kinostart: | 06.01.2011 |
| 22.12.2010 (Romandie) | |
| 18.02.2011 (Tessin) |
Christina Aguilera: «Ich war wie ein Schwamm.»
Grosse Sache! Cineman traf die kleine Christina Aguilera zum Interview: ein Gespräch über ihr erstes Mal Film, Freundin Cher und zu viel Make-up.
Ist das das Kinodebüt, von dem Sie immer geträumt haben?
(Lacht.) Ich wollte eigentlich nie als Sängerin ins Kino. Aber als Burlesque kam, musste ich sagen: Das hat das gewisse Etwas, und ich kann mich erst noch an ein paar Songs wagen, die ich sonst nie irgendwo singen könnte - ausser unter der Dusche. Etta James war schon immer meine Lieblingssängerin: Ich habe immer davon geträumt, einmal ihre Lieder zu singen. Mich eines Tages an «I'm a Good Girl» zu versuchen - da musste ich schwach werden. Ich gehe ja jedes Mal, wenn ich mich in Paris aufhalte, ins Crazy Horse und schaue mir die Show an, in diesem kleinen Theater mit diesen wunderschönen Frauen. Ich mag das einfach. Für Burlesque eingenommen hat mich aber auch, dass ich eben mehr sein kann als «bloss» eine Sängerin.
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Da gab's sicher Schauspielerinnen, die Sie sich genauer angeschaut haben. Ich denke an die grosse Jean Harlow?
Ich hatte schon vor Burlesque mit den zu Ikonen gewordenen Schönheitsköniginnen von früher, den Filmstars und Marylin Monroes von einst, Bekanntschaft gemacht. Als ich Back to Basics einspielte, habe ich mich intensiv mit dieser Welt beschäftigt - den 1920ern, 1930ern und 1940ern. In dem Album ging's stark auch um die Darstellung der Sexualität jener Zeit, und da spielt das Thema Burlesque natürlich schon rein, die ganze Frage der Sinnlichkeit, der Rollen-Verspieltheit, auch im frivolen Sinne. Und jetzt weiss ich nicht mehr, was Sie mich gefragt haben.
Ob Sie sich alte Filme angeschaut haben und so.
Oh ja. Regisseur Steven Antin legte mir die Bob Fosse-Filme ans Herz, denen wollte er nacheifern, ich musste mir Funny Girl anschauen, viele dieser alten Dinger, auch The Wizard of Oz, um noch einen zu nennen: Meine Figur ist ja so offen, so unschuldig, sie muss erst lernen, auf ihre innere Stimme zu hören. Das ist etwas, was mir persönlich ziemlich fern liegt, ich habe sehr stark meine Überzeugungen, habe mich gut unter Kontrolle, was meine musikalische Arbeit betrifft. In diese völlig andere Welt zu gelangen und diese Ali zu spielen, die mehr als grün ist hinter den Ohren, rein gar nichts von der Welt gesehen hat, daran musste ich mich erst langsam herantasten, vor allem an diese Unschuld - da hat mir «Wizard» sehr geholfen, mir eigentlich erst die Augen für die Welt der Wunder geöffnet.
Haben Sie eigens für den Film Songs geschrieben?
Habe ich - vier Stück, um genau zu sein. Und ich hatte auch mein Team dabei, weil ich nicht besonders glücklich mit den Leuten war (lacht leicht hysterisch), die man mit der Musik beauftragt hatte. Wir machten also einiges neu und extra für den Film. Ich hatte gerade mein Album aufgenommen und wusste, dass meine Leute sehr wohl wussten, wie man gewisse Emotionen, die im Film sehr wichtig sind, musikalisch formuliert. Ich holte den australischen Singer/Songwriter Sea Furler, der an Bionic mitgearbeitet hat und für den Film die wunderbare Ballade «Bound to You» geschrieben hat, an Bord, auch Tricky Stewart und Claude Kelly und ein paar andere Komponisten und Produzenten, mit denen ich gearbeitet hatte, haben an den Burlesque-Titeln mitgearbeitet. Daraus wird nie ein Album, da gibt's keine Singles - das ist alles ausschliesslich für den Film.
Wieviel hatten Sie auf dem Set zu sagen?
Ich mochte die Offenheit - als eine, die noch nie als Schauspielerin arbeitete, musste ich erst lernen, dass es Dialoge gibt, die man besser zum Fenster hinauswirft, und man improvisieren kann; ich musste fühlen lernen, was richtig ist und was organisch. Das war etwas, das ich während des Drehens lernte. Beantwortet das Ihre Frage?
Eigentlich nein. Normalerweise begibt sich die Schauspielerin in die Obhut des Regisseurs, der sagt, was Sache ist.
Ein Kinofilm ist etwas vollkommen anderes ein Videoclip. Da kontrolliere ich alles: Wie ich mich ausdrücke, bewege, was auch immer - aber plötzlich diese Ali zu werden, das war irre. Ich bin es doch sehr gewohnt, so theatralisch zu sein, wie ich eben bin - mit meinen roten Lippen, ich trage gern zu viel Make-up auf, habe zu viel Haar, spiele in meinen Videos Rollen, Theater, Zirkus - all das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe. Um Ali Rose spielen zu können, musste ich richtiggehend aus mir herauskommen, mich selbst herunterspielen. Da haben die anderen Schauspieler auch viel dafür getan, dass ich das Ganze als organischen Prozess zu sehen und ans Ganze zu denken begann, weil manchmal schon verdammt viele Köche im Brei rührten. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich habe mich dem Film sehr offen genähert, habe mich von meiner verletzlichen Seite gezeigt, war für jeden Ratschlag, jede Kritik dankbar. Ich war wie ein Schwamm. Mir war klar: Ich kann nicht so tun als wüsste ich, wie der Hase läuft. Ich kam sozusagen jungfräulich zum Film und wollte auch, dass ich das bleibe.
Wird die Schauspielerei einen Einfluss auf Ihre Musik haben?
Die Erfahrung erlaubt mir sicher - ich möchte jetzt nicht sagen, tiefer zu schürfen - denn für mich war immer klar, dass ich ehrlich bin in und mit meiner Musik. Und doch war die erste Single, die nach dem Film rauskam, von der Erfahrung Film beeinflusst. Schauen Sie sich nur das Video zu «Not Myself Tonight» an - da bin ich ja die ganze Zeit gefesselt, liege in Ketten. Für mich als Künstlerin war dieses Video wie eine Befreiung, weil ich für so lange Zeit jemanden anders darstellen musste. So gesehen: Nein, die Schauspielerei ging nicht spurlos an der Musik vorüber; wenigstens, wenn ich an «Not Myself Tonight» denke, scheint mir das offensichtlich.
Schauspielerei bedeutet normalerweise: viel herumsitzen, ewig warten. Wie haben Sie die tote Zeit nützen können? Haben Sie komponiert?
Die Warterei war definitiv schwierig für mich. In meiner Welt kennt man das nicht in dem Masse. Aber ich war so neu, wollte sicher sein, dass ich alle Regeln respektiere, ich wusste, das ist nicht meine Show, aber das Warten gab's oft, und es war immer anstrengend. Aber so ist es eben, nicht wahr.
Komponiert haben Sie nicht in der Zeit?
Ach, stimmt - das war die Frage. Komponiert habe ich nicht, ich wollte in der Rolle drin bleiben, gegen Ende der Dreharbeiten habe ich dann ein bisschen damit angefangen, weil ich da genug Erfahrung hatte, um die Dinge auch trennen zu können. Auch deswegen ist die Schauspielerei etwas Erstickendes für mich. Ich würde es sicher wieder tun, aber ich weiss nicht, wie die Leute, die von Film zu Film springen, bei sich bleiben können.
Tanzen für einen Film oder ein Video - ist das Jacke wie Hose?
Es ist fast dasselbe. Aber ich sage immer: Ich habe noch nie so viel getanzt wie für Burlesque. Ich habe viel an meiner Technik gearbeitet, so unglaublich viel trainiert, vieles davon, war nicht das, worin ich mich besonders wohl fühle - aber die Herausforderung hat mich gereizt, ich habe viel gelernt und glaube, als Tänzerin stark gewachsen zu sein.
Standen Sie unter Druck? Das ist ihr erster Film, Sie spielen die Hauptrolle, müssen singen und schauspielern.
Druck gibts' sicher, aber den lasse ich erst gar nicht an mich heran, ich lasse meine Arbeit leben, versuche stets, mein Bestes zu geben, stelle mich offen und verletzlich der Herausforderung, den Ratschlägen und Meinungen anderer - das machte mich manchmal zu verletzlich, ich bin eine Künstlerin und manchmal sehr sensibel und für mich als Person hatte ich wenig Zeit Aber ich erlaube mir nicht, diesen Druck zu spüren oder gar Angst zu haben.
Wie ging's mit Cher & Co.?
Oh, da gab's überhaupt starke Bindungen unter den Frauen auf dem Set. Man weiss ja nie, was einen erwartet, wenn man mit ein paar Mädels in einem Zimmer steckt (lacht), aber glücklicherweise haben sich alle respektiert. Ich trage vielleicht den halben Film auf dem Rücken, aber da gibt's auch andere. Cher stiess leider erst spät zu uns, sie hatte vorher anderes zu tun. Aber als sie kam, hauchte sie mir neues Leben ein, hat mich neu motiviert. Sie erzählt echt keinen Scheiss, das schätze ich so an ihr, sie sagt nichts, um jemandem zu schmeicheln oder deinem Ego Gutes zu tun, dir in den Arsch zu kriechen: Wenn Cher dir ein Kompliment macht, dann meint sie es auch so. Ich kann sagen: Ich habe mit diesem Film neue Freundinnen gewonnen, gerade in Cher. Wir haben viele Stunden zusammen verbracht, haben viel gequatscht, auch über Beziehungen. Sie hat viel zu sagen.
[Christina Aguilera wurde interviewt von Stefan Gubser, Cineman.ch]
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