Where the Wild Things Are - Filmkritik
| Aka Titel: | Wo die wilden Kerle wohnen |
| Land (Jahr): | USA (2009) |
| Genre: | Adventure, Drama, Fantasy |
| Filmlänge: | 101min |
| Regie: | Spike Jonze |
| Kinostart: | 17.12.2009 |
| 16.12.2009 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Spike Jonze |
Verschwende deine Kindheit
Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker hat 45 Jahre auf dem Buckel und ist noch immer ein erprobter Impfstoff gegen öde Erwachsene - garantiert mit Nebenwirkungen. Spike Jonze hat das Bilderbuch nun für die Leinwand bearbeitet. Herausgekommen ist ein melancholischer Kinderfilm, den sich wohl hauptsächlich Erwachsene ansehen werden.
In Maurice Sendaks 1963 erschienenem Kinderbuch «Where the Wild Things Are» macht Max im Wolfskostüm bereits auf Seite eins Krawall. Er wird deshalb von der Mutter ohne Nachtessen ins Bett geschickt. Der Racker fetzt wütend durch die Laken. Bald schon wächst Wald und Meer ins Zimmer. In einem Segelschiffchen sticht Max in See und reist ins Land, in dem die wilden Kerle wohnen.
Die sehen gefährlich aus und futtern renitente Knirpse normalerweise zum Frühstück. Max besiegt die Monster indem er ihnen fest in die gelben Augen schaut - ohne dabei auch nur einmal zu zwinkern. So wird der Kleine zum König der wilden Kerle und das Spektakel das folgt ist fürwahr königlich. Max tobt mit der wilden Schar durchs neue Reich. Doch bald schon übermannt Heimweh den grossen kleinen König. So kehrt Max zurück ins Kinderzimmer wo sein Nachtessen - noch immer schön warm - auf ihn wartet.
Etwa 330 Worte und 16 Bilder kurz ist die Erzählung von Maurice Sendak - und sie umfasst doch eine ganze Welt. Nun hat Regisseur Spike Jonze den Klassiker zu einem langen 80-Millionen-Dollar-Spielfilm hochgestemmt. Mit Schnüggelbub Max Records in der Hauptrolle, den Stimmen von Hollywoodgrössen wie James Gandolfini, Puppenspielern in fluffy Sesamstrasse-Ganzkörperanzügen und passgenauen Kinderliedern von Karen O. im Hintergrund. Der Einsatz digitaler Illusionsmittel wurde auf ein Minimum beschränkt, und so sorgen statt Pixel echte Viecher und Traumsets in realer Landschaft fürs märchenhafte Gefühl.
Auf dem Blockbuster-Dreh ist heutzutage Liebe zum Detail nicht eben einfach durchzusetzen, so wenig wie kindliche Spielfreude, die bei Produzenten eh im Verdacht der reinen Zeitverschwendung steht. Wohl um diese Spassbremsen günstig zu stimmen stellte Jonze die Story auf einen psychologisch stimmigen Untergrund: Max kriegt mit einer älteren Schwester und deren doofen Freunden, sowie einer überforderten alleinerziehenden Mutter (Catherine Keener) ein Motiv dafür, sich in seiner Imagination zu den wilden Kerlen abzusetzen. Klar auch: Die wilden Kerle sind Sensibelchen mit rauher Schale, die eines kleinen Königs bedürfen, um zum wahren Ich zu kommen.
Ist «Where the Wild Things Are» deshalb schon ein «Feel-Good»-Movie und hat Jonze ein Sakrileg begangen? Eher nicht, denn dem «Jackass»-Erfinder ist es gelungen Sendak, weitgehend treu zu bleiben und die Kindergeschichte für Erwachsene (wieder) zugänglich zu machen. Überhaupt zieht man bewundernd den Hut vor so viel Verspieltheit und Unberechenbarkeit, die hier das Wahre und Schöne erst an den Tag bringen. [Benedikt Eppenberger]
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