Für die einen ist er ein schlichter Filmhandwerker, der seinen künstlerischen Zenit seit einem Jahrzehnt überschritten hat. Für die anderen ist Woody Allen noch immer ein visionärer Philosoph, der auch mit 73 den immer wiederkehrenden Fragen nach den Ungereimtheiten der menschlichen Liebesbeziehungen neue Beachtung schenkt. Die Spielarten hat er in den letzten Jahren variiert: Waren «Match Point» und «Cassandra's Dream» noch Dostojewski-verliebte Moralstudien über Schuld und Sühne, ist sein neuer Film wieder von der fast schon unerträglichen und sommerlichen Leichtigkeit des Seins beseelt, die Allen-Fans zuletzt bei «Melinda & Melinda» verspürt haben dürften. «Vicky Cristina Barcelona» ist ebenso eine Meditation über die Liebe mit all ihren Nebenwirkungen, unbeschwertes Sittengemälde der freien Liebe, eine Hommage an die europäischen Lebensgewohnheiten und ein ironischer Schmähruf auf den «American way of life».
Die beiden Amerikanerinnen Vicky (Rebecca Hall) und Cristina (Scarlett Johansson) verbringen den Sommer in Barcelona. Bei einer Vernissage lernen sie den Künstler Juan Antonio (Javier Bardem) kennen, der den Frauen ein Angebot macht: «Kommt mit für ein Wochenende nach Oviedo, wo wir alte Kirchen, guten Wein und unsere nackten Körper genauer erforschen wollen.» Vicky, bodenständig und bereits verlobt, ist empört. Cristina, offen für jedes Abenteuer, ist begeistert und überredet ihre beste Freundin schließlich. Während des Kurztrips geraten selbstverständlich Körperflüssigkeiten und echte Emotionen in Wallungen, was dadurch verkompliziert wird, dass sich Juan Antonios Ex-Frau (Penélope Cruz) wieder in sein Leben drängt.
Woody Allen begegnet den amourösen Komplikationen noch immer mit gesunder Ironie, die allerdings niemals in Slapstick ausufert. Es ist viel mehr seine erotische Fantasie, der er hier freien Lauf lässt: Javier Bardem, eindeutig sein Alter Ego in diesem Film, ist gefangen zwischen drei Frauen, während sich Scarlett Johansson und Penélope Cruz sogar lieben dürfen. Viel interessanter ist allerdings der subtile Vergleich, den Woody Allen zwischen Europa und Amerika anstellt. Wo er Barcelona mit seiner Architektur und die Bewohner mit ihrer freien, chaotischen und künstlerischen Lebensweise feiert, degradiert er den amerikanischen Lifestyle und seine Vertreter zu langweiligen Schnöseln. Vickys Verlobter ist ein geleckter Businessman, der vom sterilen Eigenheim mit Tennisplatz träumt, während Juan Antonio (wie auch sein Vater) in einem traditionellen Künstlerhaus lebt, aus dessen alten Gemäuern das wahre Leben ächzt.
Von diesen Symbolen wimmelt die subtile Komödie, die in all ihrer Kurzweiligkeit sich über die Liebe eher lustig macht und zu dem Schluss kommt, dass feste Bindungen im Leben in Wahrheit nur etwas für bourgeoise Langweiler sind, die ihr Polohemd lieber in, statt über der Hose tragen. «Vicky Cristina Barcelona» bleibt in Erinnerung wie der charmante Urlaubsflirt mit der schönen Unbekannten letzten Sommer. Man denkt immer wieder gerne zurück.