| Land (Jahr): | Deutschland (2008) |
| Genre: | Drama |
| Filmlänge: | 101min |
| Regie: | Dennis Gansel |
| Kinostart: | 01.05.2008 |
| 28.01.2009 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Dennis Gansel |
Der pädagogische Tsunami
Wie war es möglich, dass ein ganzes Land den Massenmord an den Juden einfach hinnahm? Warum wehrte sich niemand dagegen, wie gelang es Hitler, ein ganzes Volk zu Komplizen im Holocaust zu machen? Eine mögliche Antwort gab ein Experiment, das der Geschichtslehrer Ron Jones 1967 in einer Schule im kalifornischen Palo Alto unternahm.
Um seinen Schülern die Faszination des Faschismus zu demonstrieren, rief Jones eine Bewegung - «The Third Wave» - ins Leben, die Disziplin und Gemeinschaft über alles stellte und bei der jede Form von Individualität verpönt war. Der Erfolg war durchschlagend: Die Schüler machten begeistert mit; überall an der Schule tauchten Welle-Embleme auf, Nicht-Welle-Mitglieder wurden drangsaliert, und Jones selbst hatte zu seiner Überraschung plötzlich einen Bodyguard an seiner Seite. Als das Experiment völlig ausser Kontrolle zu geraten drohte, brach Jones es ab.
Die Geschichte von Jones' Experiment ist - in Form eines kurzen Romans und eines Fernsehfilms - mittlerweile zum Standard-Schulstoff geworden: Besonders in Deutschland gehört das Buch von Todd Strasser zur Pflichtlektüre. Da ist es eigentlich naheliegend, diesen Stoff für das deutsche Publikum aufzubereiten; tatsächlich läuft der Film in unserem Nachbarland auch bereits mit grossem Erfolg.
Dennis Gansel verlegt das Welle-Experiment in eine namenlose deutsche Kleinstadt der Gegenwart und passt die Handlung den örtlichen Begebenheiten an. Man spürt deutlich: Der Regisseur will es richtig machen, der Film soll um jeden Preis zeitgemäss und relevant wirken. Also: möglichst viele Milieus abdecken und möglichst viel Jugendkultur reinpacken - das Welle-Emblem ist folglich ein fescher Graffiti, statt Football, der bei Strasser eine wichtige Rolle spielt, spielen die Jungs Wasserball, statt der Schülerzeitung ist nun das Internet von Bedeutung, und der charismatische Lehrer, verkörpert von Jürgen Vogel, ist ein ehemaliger Hausbesetzer, der in abgerissenen Jeans und Lederjacke zum Unterricht erscheint. Und um alle Bevölkerungsschichten abzudecken, ist auch das ganze Personal der deutschen Vorabendserien vertreten: Der Türke, der nicht mehr «der Türke» sein will, der Aussenseiter, der seine Chance wittert, der wohlstandverwahrloste Kiffer, der fleissige Arbeitersohn ohne Familie und die Einser-Schülerin, die als einzige merkt, was gespielt wird.
Das alles wird flott und ökonomisch erzählt; «Die Welle» bietet deutlich mehr Action als die Vorlage: Der ehemalige Aussenseiter klettert an einer Kirche hoch, um das Welle-Zeichen hinzusprayen, es gibt blutige Prügeleien, laute Musik und zum Schluss sogar - und das ist nun wirklich neu - einen Toten.
So dröge und plump didaktisch wie der Fernsehfilm von 1981 ist Gansels Film sicher nicht. Er ist über weite Strecken kurzweilig und handwerklich gut gemacht, aber wirklich überzeugen kann er dennoch nie. Nicht nur weil das alles gerade in seiner forciert zeitgemässen Art mitunter ziemlich angestrengt wirkt, sondern auch weil das zentrale Moment nicht glaubhaft ist. Wenn die Welle mal am Rollen ist und alle auf die neuste Mode aufspringen wollen, überzeugt der Film durchaus, aber was die Schüler am Geradesitzen und stramm stehen so faszinierend finden, warum ein weisses Hemd reichen soll, um alte Rivalitäten zu überwinden, will sich nicht recht erschliessen; alles wirkt zu behauptet. Und so hat der Film am Ende das gleiche Problem wie bereits das Buch: Wüssten wir nicht, dass sich diese Ereignisse so ähnlich tatsächlich zugetragen haben, würden wir die Geschichte schlicht für unplausibel halten. Und das ist im Grunde ein Armutszeugnis für jeden Film. [Simon Spiegel]
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