No Country for Old Men
Home Cinema
11
users

Filmkritik

Kein Entrinnen

'So sollt ihr hören, von fleischlich-blutigen, unnatürlichen Taten, von Zufalls-Urteil, blindem Blutvergiessen, von Tod bewirkt durch List und durch Gewalt, und auch von Plänen, die, gescheitert, fielen auf der Erfinder Haupt.'

Möchte man das bisherige Oeuvre der Coens mit einem Satz zusammenfassen, so kann man es wohl kaum besser treffen als mit diesem Satz aus der letzten Szene von «Hamlet». Denn die Coens haben nicht nur ein Faible für das Grotesk-Gewalttätige, im Grunde handeln fast alle ihre Filme - auch die unblutigeren - von gescheiterten Plänen. Seien es Entführungen (echte oder gestellte), Erpressungen, Geldübergaben, Casino-Einbrüche oder Eheverträge. Wenn in einem Coen-Film jemand einen Plan ausheckt, geht dieser stets gründlich schief. All die mehr oder weniger schlauen Figuren, die mit ihren raffinierten Coups dem Schicksal ein Schnippchen schlagen wollen, müssen scheitern. Dieses Scheitern zieht je nach Film und Genre unterschiedlich viele Tote nach sich, aber die besten Überlebenschancen haben im filmischen Universum der Coens Figuren wie der Dude aus «The Big Lebowski» oder Tom Reagan aus «Miller's Crossing», die gar nichts erreichen wollen, sondern einfach ein Ruhe gelassen werden möchten.

Eine schlechte Ausgangslage also für Llewelyn Moss (Josh Brolin), der in der texanischen Einöde ahnungslos über die Überreste eines tödlich schief gelaufenen Drogendeals stolpert. Leichen über Leichen, und dazwischen ein Koffer voller Geld, den Moss in der irrigen Hoffnung an sich nimmt, er könne die Ganoven, die hinter dem Massaker stecken, austricksen. Doch der einsilbige Moss hat die Rechnung ohne Anton Chigurh gemacht, einer neuen Variante im coen'schen Inventar verrückter Killer. Dieser Chigurh ist mit einer besonders aparten Allzweckwaffe unterwegs und weder an Geld noch an sonst etwas interessiert; er folgt vielmehr einem sonderbaren eigenen Wertesystem. Diese gänzlich emotionslose Tötungsmaschine handelt nicht aus einem eigenen Antrieb, sondern sieht sich selbst als ein Bote des Schicksals, der gar nicht selbst entscheidet, wen er tötet. Chigurh, unheimlich unterkühlt verkörpert von Javier Bardem, ist der Racheengel, den das Drehbuch all jenen hinterherschickt, die meinen, es gäbe ein Entrinnen.

Während sich Moss und Chigurh eine Verfolgungsjagd liefern, folgt in der Nachhut Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones), ein pensionsreifer Sheriff vom alten Schlag und ein Wesensverwandter der schwangeren Frances McDormand aus «Fargo». Wie seinerzeit McDormand nimmt man auch Bell am Anfang nicht für voll, und doch zieht dieser etwas langsame ältere Herr immer die richtigen Schlüsse. Allerdings hält er sich zurück, denn auch er scheint zu wissen, dass zu viel Schlauheit ungesund ist, zumal im staubtrockenen Texas. «You can't stop what's coming», so Bells Einsicht - schon gar nicht, wenn das, was kommt, von Bardem gespielt wird.

Nach einigen eher enttäuschenden Filmen zeigen sich die Coens in «No Country for Old Men» wieder ganz auf der Höhe ihres Könnens. Man könnte über vieles schwärmen in diesem Film, etwa über die Handhabung der Tonspur, die mit einigen wenigen Geräuschen unglaubliche Spannung erzeugt, oder über die Schauspieler - lauter Coen-Neulinge -, die bis in die kleinsten Rollen perfekt besetzt sind. Der Film erinnert zwar in vielem an frühere Meisterwerke wie «Blood Simple» oder «Fargo», ist aber auch etwas ganz Neues. Nicht nur ist der Bodycount höher als je zuvor, alles ist von einer Art existenzialistischer Melancholie durchzogen, die die Geschichte zu einer modernen Tragödie macht. Zugleich ist der dramaturgische Aufbau so gewagt wie in bislang keinem Coen-Film. Es gibt keine klare Hauptfigur mehr und auch keine Klimax; das grosse Showdown bleibt aus, der Film zerfällt zum Schluss richtiggehend, was allerdings beabsichtig ist. Am Ende, nach vielen raffinierten Winkelzügen und unzähligen Toten, bleibt nichts ausser einem filmischem Meisterwerk.

Mehr Filmkritiken

The Croods

Steinzeitfamilie muss in einer fremden Welt ein neues Zuhause finden. Animiertes Familienabenteuer aus dem Hause Dreamworks. mehr...

Iron Man 3

Im dritten Teil der Comic-Verfilmung muss Robert Downey Jr. als gepanzerter Superheld gegen Ben Kingsley kämpfen. mehr...

Oblivion

Tom Cruise repariert Drohnen, die Aliens jagen und vernichten: Sci-Fi-Action von "Tron: Legacy"-Regisseur Joseph Kosinski. mehr...

Nachtzug nach Lissabon

Schweizer Professor gibt sein zurückgezogenes Leben auf und begibt sich auf eine waghalsige Reise. Bestsellerverfilmung. mehr...

The Great Gatsby

Leonardo DiCaprio, Carey Mulligan und Tobey Maguire in Baz Luhrmanns Adaption des Romanklassikers von F. Scott Fitzgerald. mehr...

I Give it a Year

Ein ungleiches Paar (Rose Byrne und Rafe Spall) kämpft um seine Liebe. Komödie von "Borat"-Produzent Dan Mazer. mehr...

G.I. Joe: Retaliation

Hasbros Spielzeugsoldaten kämpfen dort weiter, wo sie im ersten Teil aufgehört haben. Mit Bruce Willis und Channing Tatum. mehr...

Identity Thief

Melissa McCarthy stiehlt Jason Batemans Identität. Komödie von «Horrible Bosses»-Regisseur Seth Gordon. mehr...

Community

SEAT Movie Charts
5
79
4
66
3
34
2
14
1
19
3.8
212 User
Mein Kommentar
member img
58 Kommentare
member img
Remo

muss man gesehen haben!!
member img
movie world filip

richtig spannende verfolgungsjagd...
member img
Georges

no country for old men. spannender Thriller; voller Action;
member img
Pascal

Packender Film mit enttäuschendem Ende. packender Film mit -aus meiner sicht- enttäuschendem und verwirrendem Ende
member img
Manuela

hmmm. naja, weiss jetzt nicht so recht. hat teilweise sehr gute szenen, aber schlussendlich hat er mich trotzdem nicht vollständig überzeugt... vorallem ist der schluss sehr bescheuert, wenn ich das s...
mehr
member img
Micha

Alle der erhaltenen Oscars sind verdient!!! Wirklich absolut genialer Film!! Wahnsinnig spannend. Muss man gesehn haben!!
member img
Chrigel

4 Oscars?. Interessanter Film, der jedoch in teils Szenen keine Spannung bietet. Das Ende des Filmes kommt etwas abrupt. Meiner Meinung nach, sind nicht all die erhaltenen Oscars wirklich verdient. A...
member img
Stefan

Öde. Ich habe schon lange keinen so lahmen und oberflächlichen Film mehr gesehen.
member img
Martin

Brutal aber gut. Gut und Brutal! Viele Tote! Viel Blut!
member img
Judith

unglaublich, der Bardem.
58 Kommentare

SEAT Movie Charts

Erfahre mit den SEAT Movie Charts, welches die beliebtesten Kinofilme der Schweiz sind!

Bewerte und kommentiere selber Kinofilme und gewinne mit etwas Glück einen SEAT New Leon.

  = miserabel
  = kaum sehenswert
  = Mittelmass
  = gut
  = Meisterwerk