Eine wahrheitsgetreue Biographie über Dylan zu entwerfen, das schaffte weder Martin Scorsese mit seinem gültigen Dokumentarfilm No Direction Home noch Bob Dylan selber in seiner literarischen Autobiografie «Chronicles». Der «Troubadour des Gewissens» lässt sich nicht fassen, auch nicht in seinen Liedtexten.
Genau dies scheint für Todd Haynes den Reiz auszumachen, sein Film sei inspiriert von den «vielen Leben und Liedern des Bob Dylan». An Halloween soll der Sänger einmal auf die Frage, als was er sich verkleide, geantwortet haben: «Ich trage meine Bob-Dylan-Maske.» Die Aussage von Arthur Rimbaud «Ich ist ein anderer» hat sich Dylan, der Seelenverwandte des französischen Dichters, zum Lebensmotto genommen.
«Poet, Prophet, Genie, Agitator, Fälschung» steht gleich am Anfang des Filmes und definiert den Sänger in nur einigen seiner Rollen. Verkörpert wird er in I'm Not There von sechs verschiedenen Schauspielern: Christian Bale, Marcus Carl Franklin, Heath Ledger, Richard Gere, Ben Whishaw und Cate Blanchett. Dass ein afroamerikanischer Junge (Franklin) und eine Frau (Blanchett) zwei Versionen Dylans verkörpern und genau diese ihm am nächsten kommen, das ist eines der Wunder dieses kunstvollen Filmes.
Die sechs Bob Dylans, von denen keiner Bob Dylan heisst, stehen für je eine Phase seines Lebens: Sensibler Wandersänger, frauenverachtender Macho, frommer Priester, elektrischer Judas, Dichter im Delirium und bärtiger Outlaw. Der Film zeigt Dylan im Kampf mit besserwisserischen Journalisten, mit enttäuschten Fans und sektiererischen Dylanologen , die sich vielleicht auch an diesem Film stören werden, und im Kampf um die Liebe zu seiner Frau.
Haynes zitiert Fellini, Truffaut und das ganze Spektrum an Filmen über und mit Bob Dylan. Sein ungewöhnliches Porträt ist ein Kaleidoskop von Filmstilen, ist manchmal Dylan-im-Wunderland, manchmal witziges Mockumentary - wenn zum Beispiel Julianne Moore die Joan Baez aus Scorseses Dokumentation mimt - manchmal 1:1 Kopie von D.A. Pennebakers Don't Look Back und bleibt doch immer eine eigenständige und nie verklärende Annäherung an einen Künstler, der sich immer allem verweigert hat.
Der richtige Bob Dylan bleibt den ganzen Film hindurch der grosse Abwesende. Kurz vor dem Ende flackert dann eine verwackelte, dunkle Konzert-Aufnahme über die Leinwand: Eine Nahaufnahme seines Gesichtes, ins Mundharmonikaspiel vertieft, die Augen geschlossen.«I'm Not There» ist unfassbar wie Bob Dylan selber und mannigfaltig wie ein Bob Dylan Song. Grosse Kunst.
gute aber auch verwirrende musik film... geht es jetzt über dylan?