Notes on a Scandal - Interview
| Aka Titel: | Tagebuch eines Skandals |
| Land (Jahr): | Grossbritannien (2006) |
| Genre: | Crime, Drama |
| Filmlänge: | 92min |
| Regie: | Richard Eyre |
| Kinostart: | 22.02.2007 |
| 28.02.2007 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Patrick Marber |
Judi Dench: «Am Ende tranken wir Champagner, spendiert von Cate.»
Die Britin über die Komplexität eines Filmverlaufs und ihre schwierigste Szene.
Juni Dench, wie würden Sie Barbara, Ihre Filmfigur, als Person beschreiben?
Sie ist eine Lehrerin an einer ziemlich gewöhnlichen Schule in London. Und eigentlich ist sie eine ziemlich verzweifelte, einsame, bedürftige Frau. Sie hat eine Katze, die sie liebt und die sie eingehend betreut. Aber sie benötigt eigentlich die Zuneigung von einem Menschen, oder zumindest dessen Aufmerksamkeit. Und dann wird sie eben versessen auf diese neue Lehrerin in der Schule.
Wie interpretieren Sie Cate Blanchetts Figur, Sheba?
Als sie Sheba bei ihrer Ankunft in der Schule sieht, ist sie ihr zunächst sehr negativ gesinnt und sie mustert sie abschätzig. Aber dann gelangt sie in diesen zwanghaften Wahn. Sheba unterscheidet sich wirklich von den anderen und scheint aus ganz anderem Holz geschnitzt. Und ich glaube, dass genau das es ist, worauf Barbara versessen wird.
Wie war die Zusammenarbeit mit Cate Blanchett?
Sie ist eine phänomenale Schauspielerin. Und es war phänomenal, mit ihr zu arbeiten. Ich finde sie ganz einfach fantastisch. Kreativ und ziemlich inspirierend für die Zusammenarbeit. Den Faden, den Umriss eines Films muss man schon im Vorfeld erarbeiten. Auf der Bühne z.B. nimmt man diesen Faden irgendwann auf und arbeitet sich ihm entlang durch, und erzählt so die Geschichte bis zum Ende. Beim Film jedoch muss man den Gesamtfaden vorher schon gelegt haben. Natürlich ist das vor allem die Arbeit von Richard Eyre, dem Regisseur, und er weiss dann auch immer, ob man sich an der richtigen Stelle im Geschichtsverlauf befindet oder nicht. Aber als ich den Film gesehen habe, dachte ich nur, wie um aller Welt ist es ihr gelungen, derart minutiös und perfekt die richtige Stimmlage zu treffen. Davon war ich völlig überwältigt.
Welches war für sie die schwierigste Szene zu drehen?
Wir habeN einen grossen Streit - das war Szene 122. Ich weiss das, weil wir sie alle dick mit Filzstift angestrichen hatten. Und dann kam der Tag schliesslich und wir drehten die Szene. Es hat den ganzen Tag gedauert und wir haben uns beide gefürchtet vor der Szene. Aber am Ende dann, als alles gedreht war, kamen wir von der Bühne und da stand schon eine Flasche Champagner, spendiert von Cate. Wir haben sie dann sogleich geköpft und das meiste davon getrunken. Mit Erleichterung.
[Judi Dench wurde interviewt von Portmann Media]
Cate Blanchett: «Die Frage, warum sie eine Beziehung mit einem Minderjährigen eingeht, ist immens kompliziert.»
Wie schon in «Herr der Ringe» betört die Australierin einen jungen Mann, nur diesmal wird sie von Judi Dench beobachtet.
Cate Blanchett, wie würden Sie Sheba, Ihre Filmfigur, beschreiben?
In Sheba steckt eine amüsante Schrillheit und eine eigensinnige Naivität, die durchaus von einem literarischen Standpunkt aus betrachtet werden kann. Aber was das filmische angeht, ist es ja so, dass der Zuschauer viel Zeit einer Person zuwendet, die eine moralische Schranke überschreitet und zwar auf eine derart tiefgreifende Art, wie es bei Sheba der Fall ist - da wird es zwingend, dass man tiefer hineinschaut. Und ich hoffe auch, dass im Film eine klare, zugängliche Tiefe vorhanden ist. Rein schon deswegen, weil wir Shebas Sichtweise zu sehen kriegen, und ja auch Barbara von ihrem Stanpunkt aus betrachtet wird.
Wie erklären Sie sich die Beziehung zwischen Sheba und Steven?
Ich denke, dass Menschen, die sich innerlich derart vor sich selbst verstecken, wohl unbewusst Situationen suchen, in denen sie entblösst und erwischt werden könnten. Sheba fühlt sich auf seltsame Art als Opfer der Umstände, als Opfer ihrer Umwelt. Die Frage zu beantworten, weshalb sie eine Beziehung mit einem Jungen eingeht, ist daher immens kompliziert. Und ich denke auch, dass nicht einmal sie selbst das Warum einfach kurz darlegen könnte. Und das grossartige am Film ist, dass er gar nicht darauf aus ist, solche Fragen zu beantworten.
Wie haben Sie die Beziehung zwischen Sheba und Barbara eingeschätzt?
Ich denke, Shebas Fehler ist, dass sie Barbara unterschätzt. Sie hat sie für sich in eine Schublade gesteckt und ahnt gar nichts von der Tiefe ihrer Verzweiflung. Doch Barbara ist auf jeden Fall eine Kämpferin, die alles tun würde, um nicht unterzugehen. Daher heftet sie sich sozusagen an das Leben von jemand anderem. Sie ist eine Art Blutegel, der Sheba leer saugt, denn da ist plötzlich diese Art von negativer Bindung in Form eines gemeinsam gehüteten Geheimnisses. Patrick Marber, der Drehbuchautor, hat es sicherlich geschafft, den Film von den jeweiligen Sichtweisen der beiden Frauen zu lösen. Aber dadurch, dass die Geschichte von Barbara erzählt wird, kommt es am Ende zum grossen Umschwung, als Sheba nämlich aufholt und dann auf gleicher Höhe wie das Publikum ankommt. Davor existiert ja lange dieses Geheimnis zwischen Barbara und dem Publikum.
Wie haben Sie Judi Dench als Schauspielerin erlebt?
Wie Judi Dench die Rolle von Barbara spielt, ist schon bemerkenswert. Zu Beginn wirkt sie unsympathisch, und dennoch, dank Judis Wärme und dem Funken in ihren Augen, vergibt man ihr viel oder versteht sie zumindest. Ich meine, sie hätte auch einfach eine Hexe spielen können, sie wissen schon, im Hexenkessel rührend. Aber genau das ist ja das grossartige: Denn so oft verlangen Drehbücher und Regisseure von einem, Gefühle direkt anzuvisieren, so dass sie vom Publikum gefürchtet oder zumindest nicht gemocht werden. Das spezielle an diesem Projekt ist, dass beide Figuren schwere und entschiedene Makel aufweisen. Und der Film feiert das richtiggehend.
[Cate Blanchett wurde interviewt von Portmann Media]
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