Knallhart Deutschland 2006 – 98min.

Knallhart

Filmkritik

Risikokapital Gesicht

Filmkritik: Eduard Ulrich

Obwohl Detlev-Buck draufsteht, ist diesmal etwas anderes drin: Kein Klamauk, keine abstrus-komische Geschichte, sondern Szenen aus dem disparaten, auch brutalen Alltag eines 15jährigen in einem Berliner Unterschichtquartier, der auf die schiefe Bahn gerät.

Das Milchgesicht, welches im Zentrum der ersten langen Szene steht, gehört dem 15jährigen Michael (David Kross) und ist im doppelten Sinn sein Risikokapital: Risiko und Kapital. Als er mit seiner Mutter die Villa im Nobelquartier gegen eine kleine Mietwohnung im Armenviertel tauschen muss, bringt er das Gesicht eines verwöhnten Oberschichtknaben mit. Und dieses Gesicht wird ihm zum Verhängnis, denn er kann es nicht verstecken, und die mit allen Wassern gewaschenen Mitglieder einer türkisch dominierten Jugendbande lesen darin Wehrlosigkeit und Geld, also leichte Beute.

So etwas kann auch in Schweizer Städten beobachtet werden, aber in Berlin ist es wohl einige Stufen härter und häufiger. Schüler werden erpresst, ausgenommen und zusammengeschlagen, die MitschülerInnen, Lehrer, Passanten und Polizisten schauen weg. Die Opfer trauen sich nicht, bei ihren Eltern oder der Staatsgewalt Hilfe zu holen, weil sie die Rache der Bandenmitglieder fürchten. Michael ist besonders arm dran, weil er keinen Vater hat und seine Mutter vor allem damit beschäftigt ist, Arbeit und Liebhaber zu finden, und das Geld ist knapp.

Zwar ist Michael unerfahren und von Gewalttätigkeit überfordert, aber er lernt schnell, und Hilfe kommt von unerwarteter Seite: Die türkische Drogenmafia wird auf sein offenes, ehrliches Gesicht aufmerksam und weiss es zu nutzen. So bekommt er einen Job als Drogenkurier und die Protektion einer mächtigen Organisation. Alles in Butter? Weit gefehlt, denn in Ausübung seines neuen "Amts" hat Michael manch heikle Situation zu bestehen. Und die Störenfriede lassen nicht locker, wodurch sie schliesslich eine dramatische Wende provozieren.

Handkamera, blasse Farben, Musik grosser stilistischer Bandbreite (Rock, Hip Hop, Dancehall, Punk, Pop, Elektro), gute Schauspieler und gut ausgewählte Laiendarsteller sorgen für Tempo, Nähe und Authentizität. Dem jungen Hauptdarsteller gelingt es gut, seine etwas einseitige Palette an Gefühlszuständen - Lethargie, Geduld, Sturheit, Dickköpfigkeit, Hartnäckigkeit und Wut - darzustellen. Atmosphäre wird durch retardierende Szenen mit skurrilen Typen geschaffen, in denen die Alltagskomik nicht zu kurz kommt. Es gibt allerdings auch einige Szenen purer Gewalt, die zwar dezent gefilmt sind, aber ihre Wirkung nicht verfehlen.

24.01.2012

4

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Kommentare

Helsinki03

Helsinki03

Ein authentischer Film, in welchem die Hoffnigungslosigkeit der Berliner Unterschicht - vorallem durch den Hauptdarsteller, welcher seine Trauer, Wut, Enttäuschung, Freude brilliant umsetzt - gezeigt wird. Man bleibt am Schluss ein Weilchen nachdenklich sitzen... empfehlenswert!

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