Schweinchen Wilbur und seine Freunde - Filmkritik
| Originaltitel: | Charlotte's Web |
| Land (Jahr): | USA (2006) |
| Genre: | Comedy, Drama, Fantasy |
| Filmlänge: | 97min |
| Regie: | Gary Winick |
| Kinostart: | 01.02.2007 |
| 14.02.2007 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Susannah Grant |
So ein Schwein
Schweinchen Wilbur droht seinen ersten Winter nicht zu erleben, denn draussen vor der Scheune wartet die Räucherhütte. Aber Wilbur hat Freunde und einer davon ist die Spinne Charlotte, die nun ihre Netze zu Werbebannern macht.
Wie immer, wenn an einer Pressevisionierung der Film wahlweise in Originalsprache und Synchronfassung gezeigt wird, habe ich Schussel mich in den falschen Saal gesetzt. Immerhin weiss ich jetzt, dass man «Charlotte's Web» auf Deutsch «Schweinchen Wilbur und seine Freunde» schreibt. Erstaunt war ich allerdings, dass mit dem Schweinchen nicht Dakota Fanning gemeint ist, aber das ist eine andere Geschichte. Oder vielleicht doch nicht, denn Fanning ist eben so wenig die Charlotte, die im englischen Titel ihr Netz webt. Denn Menschen spielen hier nur eine Nebenrolle - stattdessen geht es um Gänse, Kühe, Pferde, Schafe, Krähen, Ratten, eine Spinne und eben ein kleines Schwein namens Wilbur.
Wilbur wird vom Mädchen Fern (Fanning) vor einem frühen Tod bewahrt und avanciert darauf zum Liebling in einer mit Tieren voll gestopften Scheune. Allerdings: Wilbur ist noch nicht vom Haken, ihm droht die Schlachtung zum Weihnachtsfest. Symbolisiert wird das durch eine Räucherhütte, die Regisseur Gary Winick so unheimlich ins Bild setzt, als wäre es die schwarze Hütte aus «Twin Peaks». Die schlaue Spinne Charlotte (hässliches Gesicht, schöne Stimme - im Original Julia Roberts) ist Wilburs beste Freundin und verspricht ihm zu helfen. Sie webt deshalb Worte wie «Strahlend» oder «Bescheiden» in ihr Netz. Meiner Meinung nach wäre «Tötet nicht das niedliche Schweinchen!» ein besserer Slogan gewesen - es wird wohl einen Grund haben, dass nicht viele Spinnen in Werbeagenturen arbeiten. Egal, die Spinnen-Botschaften machen auf Wilbur aufmerksam und als er zum Jahrmarktsschwein wird, scheint ein schlimmes Ende vorerst abgewandt.
E.B. Whites Romanvorlage «Charlotte's Web» erschien 1952 in den USA und gilt dort als Kinderbuchklassiker (von White stammt auch das Buch zu «Stuart Little», und wie wenn die Filmemacher daran erinnern wollten, schaut die Ratte Templeton aus wie ein schmutziger Cousin der Computermaus). Wilburs Geschichte wurde bereits 1973 von den Hanna-Barbara Studios als animiertes Musical auf die Leinwand gebracht, aber erst die moderne Tricktechnik erlaubt es, die Tiere neben den menschlichen Mitspielern wirklich zum Leben zu erwecken. Das geschieht derart lebensecht und unaufdringlich, dass nicht mehr klar ist, wo das echte Schwein aufhört und wo das vom Computer erschaffene beginnt (insgesamt kamen 47 «echte» Wilburs auf dem Set zum Einsatz). Animationskunst auf höchstem Niveau also, die ironischerweise in einer idealisierten 50er Jahre Idylle zum Einsatz kommt, in der es keine Videospiele, Mobiltelefone, Laptops, Mikrowellen, Satellitenantennen und böse Menschen gibt.
«Charlotte's Web» erzählt von Freundschaft und Solidarität und davon, dass auch kleine Kreaturen sich Gehör verschaffen können. Am Ende wird es auch eine Fabel über das Sterben sein und behandelt das Thema mit erstaunlich wenig Kitsch. Man hat das alles recht ähnlich schon mit einem Schweinchen erleben können, das «Babe» hiess. Aber Kinder kriegen von solchen Geschichten wohl nie genug - und einigermassen einfühlsame Erwachsene auch nicht. [Jürg Tschirren]
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