Don't Come Knocking - Interview
| Land (Jahr): | Deutschland, USA (2005) |
| Genre: | Drama |
| Filmlänge: | 122min |
| Regie: | Wim Wenders |
| Kinostart: | 25.08.2005 |
| 05.10.2005 (Romandie) | |
| Kamera: | Franz Lustig |
Wim Wenders über Filme und Ehrenleoparden
«Ich robbe mich ja langsam voran auf dem Weg zur Komödie. Das war vielleicht einmal ein Anfang. Ich habe ja noch einige Jahre Zeit.»
CINEMAN: Herr Wenders, Sie haben in Locarno den Ehrenleoparden für Ihr Werk erhalten. Wären Sie lieber für einen bestimmten Film geehrt worden?
WENDERS: Wenn ich ja sagen würde, dann für «Don't Come Knocking», weil ich den jetzt gerade gemacht habe. Wir haben über vier Jahre daran gearbeitet und ich finde ihn besonders gut. Etwas besseres hätte ich zurzeit nicht machen können.
«Don't Come Knocking» variiert Themen von «Paris, Texas», den Sie vor 22 Jahren auf der Piazza Grande gezeigt haben.
Das würde ich nicht sagen. Sam Shepard und ich haben unser Bestes gegeben, «Paris, Texas» hinter uns zu lassen. Auch handelt der Flm nicht von einer Vater-Sohn-Beziehung, sondern von den Frauenfiguren. Wir haben ausserdem in Montana gedreht, hoch im Norden der USA und etwa tausend Meilen von Texas entfernt. Sam Shepard und ich wollten ein neues Kapitel aufschlagen, aber sein Territorium ist nun mal die zerbrochene amerikanische Familie.
Sie haben einmal gesagt, es sei viel einfacher, Männerrollen zu schreiben. «Don't Come Knocking» sei jetzt aber Ihr «Frauenfilm». Haben Sie umdenken gelernt?
Früher habe ich einfach mehr mit Männerrollen gearbeitet. Als Mann musst du mit Frauenrollen anders umgehen, du weisst nicht viel von ihnen. Die Hauptfigur Howard Spence konnten wir nach eigenem Gusto kreieren und er ist so herausgekommen, wie wir ihn wollten. Den Schauspielerinnen habe ich in der Interpretation der Frauenfiguren im Casting viel mehr Raum gelassen. Als Regisseur kann ich mir Frauenrollen nicht zurechtbiegen oder zurechtwünschen, sie brauchen einen Freiraum.
Dann sind Frauen die besseren Schauspieler?
Nicht wirklich. Für Sam Shepard war es auch sehr schwer, sich in einen Trottel wie Howard hineinzuversetzen. Der Typ ist ja eigentlich unmöglich, aber wenn er am Ende davonreitet, verabschiedet man sich nicht von einem widerwärtigen Kerl. Sam hatte vorher aber immer diese straighten Helden gespielt, Soldaten, Jagdflieger, Generale oder Cowboys.
Howard Spence ist ein Mann, der sein Leben verpasst hat und sich auf die Suche begibt. Hatten Sie auch schon Momente, in denen Sie alles hinschmeissen wollten?
Ich habe hin und wieder gedacht, ich mache den falschen Film zur falschen Zeit, das Filmen ist eine Sackgasse. Ich bin aber nicht jemand, der angebrochene Projekte nicht beendet. Bei «Alice in den Städten» hatte ich dann alles auf eine Karte gesetzt.
Weshalb ist Howard ausgerechnet ein Westernheld?
Früher war der Westernheld ja ein richtiger Beruf, eine Unterkategorie des Schauspielberufs. Inzwischen ist der Western ein obsoletes Genre geworden. Sam Shepard wollte unbedingt einen abgehalfterten Westernhelden für «Don't Come Knocking», der gerade an einem Filmset arbeitet. Ich meinte zu ihm: «Ich möchte aber keinen Film über Filme machen». Da sieht man dann das Kamera-Team und so, das wollte ich nicht. Er ist ja selber ein Cowboy, hat eine Ranch mit Pferden. Sam hat dann die erste Drehbuchseite geschrieben und dabei ständig gekichert. Als er mir die Seite zeigte, las ich: Howard reitet in der zweiten Szene vom Filmset davon. So hat sich das Problem von alleine gelöst.
Wie erklären Sie uns den Howard?
Der Western handelt ja stark von der Sehnsucht, irgendwo hinzugehören. Da gibt es viele Männer, die umherirren, das ist im Prinzip das durchgehende Thema. Wie Howard seinen Traum von der Freheit verfolgt, verfolgt er eigentlich einen entleerten Traum. Im Film seines eigenen Lebens ist er nur Statist. Er haut ab, weil bisher alles gelogen war und macht sich auf die Suche nach seinem verpassten Leben.
Bleibt überhaupt eine Utopie?
Die Utopie wird ja in den Personen von Doreen und Howards Sohn und Tochter verhaftet. Sie personifizieren die Utopie, weil sie ja dahin gehören, wo sie herkommen. Das wollen sie Howard am Ende des Films ja auch mitteilen.
Der Cowboy, der das Filmset verlässt - kann man Ihren Film als Metapher auf politische Aktualität wie den USA im Irak deuten?
Sam und ich wurden beim Schreiben immer wieder von politischen Ereignissen unterbrochen, zum Beispiel vom Beginn des Irak-Krieges. Wir wollten uns den Film aber nicht durch diese Bande verderben lassen und entschieden uns, bei einer privaten Geschichte zu bleiben.
Eine wichtiger Charakter ist Sutter, der Kopfjäger der Filmversicherung, der Howard zurück ans Set holen will. Hatten Sie auch schon Probleme mit Versicherungen?
Nein. Ich bin selbst auch nie vom Set abgehauen. Peter Falk hat sich bei «Der Himmel über Berlin» regelmässig aus dem Staub gemacht, weil er so gerne spazieren ging. Häufig hat er sich verlaufen und kam nicht wieder.
T Bone Burnett hat für den Soundtrack den amerikanischen Gitarristen Marc Ribot geholt. Wie kam es dazu?
Marc Ribot war mein Wunschgitarrist, T Bone Burnett hatte auch schon mehrere Male mit ihm zusammengearbeitet. Die Gitarre ist ja die musikalische Stimme des Films, er beginnt und endet mit einem Gitarrenton - und Marc Ribot ist für mich der grösste lebende Gitarrist.
Die Gelassenheit und Distanz in «Don't Come Knocking» ist neu für Wenders-Filme
Vor zwanzig Jahren hätte ich mich auch nicht getraut, so distanziert und ironisch zu drehen. Ich robbe mich ja langsam voran auf dem Weg zur Komödie. Das war vielleicht einmal ein Anfang. Ich habe ja noch einige Jahre Zeit.
[Wim Wenders wurde interviewt von Pascal Blum]
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