Im Vergleich zu einem x-beliebigen «Made in Hongkong»-Knaller macht «Hero» keine schlechte Figur, ist doch der eine wie der andere ganz der Action verschrieben und konfrontiert die Zuschauer im 10 Minuten-Takt mit Duellen und Show-Kämpfen: Mann gegen Mann, Frau gegen Mann, Frau gegen Frau. Für Psychologie bleibt in solchem Rahmen traditionell wenig Platz. Die Akteure leben in einer oft märchenhaften Welt, deren simples Strickmuster auf alle Ebenen durchschlägt. Doch reicht ein solches Kasperletheater, 30 Millionen Dollar Produktionskosten zu rechtfertigen? Dem Regisseur Zhang Yimou («Happy Times») offensichtlich nicht, denn er setzt hemmungslos jedes Stilmittel ein, um den Film «tiefer» und «wichtiger» wirken zu lassen. So ist ihm kein allegorisches Bild zu peinlich, kein Blick zu vielsagend, keine Zeitlupe zu langsam, keine Farbe zu dick aufgetragen, um den unbedingten Kunstwillen eines eigenwilligen Kreateurs festzuhalten.
Wir befinden uns in den legendären Jahren zwischen 230 und 221 vor Christus, in deren Verlauf Qin, das Reich von König Qin Shihuangdi, Krieg über seine Nachbarn brachte, sie unterwarf und dann formte, was als DIE antike asiatische Supermacht in die Geschichte eingehen sollte. «Hero» setzt in jenem Moment ein, als der Abwehrkampf der Nachbarn gegen den zukünftigen Alleinherrscher allmählich abzuebben beginnt. Zwar haben die fünf angrenzenden Königreiche zur Beseitigung des Tyrannen die besten Kämpfer aufgeboten, doch Qin Shihuangdi überlebt alle Mordanschläge und haust jetzt unangefochten und misstrauisch auf seiner Burg. Auf Distanz gehalten wird auch einer seiner Lokalbeamten mit Namen «Namenlos» (Jet Li), welcher behauptet, all die zum Tyrannenmord gedungenen Kämpfer besiegt zu haben.
Mit wachsendem Interesse lauscht der einsame König den Erzählungen von «Namenlos», der davon berichtet, wie er Sky (Donnie Yen), Broken Sword (Tony Leung) und Flying Snow (Maggie Cheung) zuerst gegeneinander ausgespielt und später ausgeschaltet hat. Als Beweis präsentiert er die erbeuteten Waffen, welche er theatralisch vorführen lässt. Mit jedem Schwert darf er sich dem König weiter nähern. Dass «Namenlos» diese Nähe aus unlauteren Gründen suchen könnte, schwant dem König bald. Doch Qin lässt sich nichts anmerken, und je stärker er die Heldengeschichten von «Namenlos» mit seinen Zweifeln und eigenen Versionen konfrontiert, desto klarer wird: Eine weitere erbeutete Waffe, und der Killer ist nur noch eine Schwertlänge von des Königs Hals entfernt...
Eine schöne Legende, die Zhang Yimou aus dem Vollen schöpfen lässt. Perfekt choreographierte Schwertkämpfe und prächtige Setbauten, eingebettet in grandiose Landschaften, welche farblich abgestimmt jeder Szene ihren Ton geben, markieren jederzeit die Monumentalität des Unternehmens. Und als wollte Yimou den Erfolg von «Crouching Tiger, Hidden Dragon» noch toppen, wurden Zeitlupenkämpfe und Drahtseiltechnik, mittels welcher die Protagonisten während der Duelle zu fliegen vermögen, weiter perfektioniert. Ein «Mehr» und «Besser» sollte es in Zukunft wohl nicht mehr geben.
Trotzdem ist es gerade das Übermass an Perfektion, was «Hero» abstürzen lässt. Es fehlt dem Epos zudem die humoristische Seite, welche die vor Pathos triefende Geschichte ab und an aufzufangen vermöchte. Unabgefedert droht die Story ständig ins Lächerliche zu kippen. Ältere Filme wie «Chinese Ghost Story», aber auch «Crouching Tiger, Hidden Dragon» hatten Witz; «Hero» jedoch ist, trotz aller Schauwerte, ein humorloser Schinken, angereichert mit esoterischen Zen-Weisheiten. Zweifellos ein erstes Niedergangsprodukt des Genres, und das, obwohl die Gattung ihren Durchbruch beim westlichen Massenpublikum eben erst erreicht hat.
Dass der Film dann doch noch mit einer Pointe aufwartet, dafür sorgt Regisseur Yimou mit einer Wendung, die in der jüngeren Kinogeschichte ihresgleichen sucht. Ausgerechnet Yimou, der mit seiner dissidenten Haltung immer wieder ein Ärgernis für Chinas KP-Kulturpolitiker gewesen ist, liefert mit dem Schluss von «Hero» eine Apologie auf Führer, Volk und Vaterland, die selbst Leni Riefenstahl erbleichen liesse. Glücklich ist, wer sich für das höhere Gut, die Einigung und zukünftige Grösse Chinas aufopfern darf... Die Partei-Bonzen werden gejubelt haben.