| Land (Jahr): | USA (2003) |
| Genre: | Crime, Drama |
| Filmlänge: | 81min |
| Regie: | Gus Van Sant |
| Kinostart: | 06.11.2003 |
| 22.10.2003 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Gus Van Sant |
Der Tag davor
Grundlos töten - das Drama in der Columbine High School von Littleton und die darauf folgenden Schul-Massaker haben in der ganzen Welt Bestürzung und Ratlosigkeit ausgelöst. Regisseur Gus Van Sant («Gerry», «Good Will Hunting») steuert mit «Elephant», dem grossen Abräumer des diesjährigen Festivals von Cannes, weder Fragen noch Antworten zum Thema bei.
Gus van Sants Dokudrama ist Fiktion: Sein Film ist in Portland, Oregon angesiedelt, wo er selbst auch lebt, und nicht in Littleton, Colorado. Ein grosser Teil des Filmes zeigt alltäglichstes High-School-Leben. Van Sant präsentiert seine Protagonisten wie Spieler eines Video-Games. Da gibt es den Football-spielenden Schönling und dessen Auserwählte, die Shopping-Vernarrten mit Bulimie, den zukünftigen Fotografen, den von familiären Problemen Geplagten und die Verlierer, jeder mit seinen Sorgen und pubertären Nöten, aber in eine Schicksalsgemeinschaft integriert.
Eigentliche Schulzimmer-Szenen sind rar; das wesentliche High-School-Leben findet in den Gängen, der Kantine, auf dem Sportplatz statt. Regelmässig schneidet Gus Van Sant weg zu melodramatischen Wolkenbildern, die ebenso ein generelles Gefühl der Leere einfangen wie sie die schrecklichen Ereignisse vorwegnehmen.
Über 60 Minuten wird Spannung aufgebaut. Der Regisseur führt alle Beteiligten unter den selben Vorzeichen ein. Die Stunden vor dem grossen Knall werden zeitschlaufenartig aus den Perspektiven der verschiedenen «Spieler» erzählt. Kurze Zeitlupen-Momente und eine raffinierte, subjektiv fokussierende Tonspur dienen als Brücken zwischen den einzelnen Charakteren. Harris Savides' Kamera schwebt geisterhaft durch das weitläufige, von herbstlichem Licht durchflutete Schulareal und nimmt die Position eines unsichtbaren Beobachters ein.
Was die Täter anbelangt, so hakt der Filmemacher alle Klischees ab. Sie sind Aussenseiter, spielen gewaltlastige Video-Games, kaufen übers Internet Waffen ein, sind vom Nazi-Regime fasziniert und erleben vor der Tat eine gemeinsame homoerotische Duschszene. Doch Van Sant versieht die schwarzen Schafe auch mit einer Pancake-backenden Mutter, künstlerischer Begabung und kreativen Ambitionen. Und umso unbequemer ist es anzusehen, wie der Sohn, der eben noch Beethovens «Für Elise» und die «Mondscheinsonate» gespielt hat, zur grauenvollen Tat schreitet.
«And most importantly: Have fun!» - so rät er seinem Mittäter. Mehr Erklärung will «Elephant» - im Gegensatz zu Michael Moore's «Bowling for Columbine» - nicht abgeben. Gus Van Sant ist so taktvoll und (mit Ausnahme der Duschszene) so politisch korrekt, dass er in keinerlei Fettnäpfchen tritt, gleichzeitig gibt er sich ästhetisch-poetisch und dokumentarisch ambitioniert. Wie empfänglich ein Publikum für die Aussage ist, dass es nicht immer klar zu definierende Gründe und Schuldige gibt, ist wohl stark vom Kontinent abhängig. [Andrea Bleuler]
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