The Lord of the Rings: The Two Towers - Interview
| Aka Titel: | Der Herr der Ringe: Die zwei Türme |
| Jahr: | 2002 |
| Genre: | Fantasy |
| Filmlänge: | 179min |
| Regie: | Peter Jackson |
| Kinostart: | 18.12.2002 |
| 18.12.2002 (Romandie) | |
| Drehbuch: | Philippa Boyens |
Der Gestalter von Mittelerde
Regisseur Peter Jackson bringt in der «Lord of the Rings»-Trilogie die fantastische Welt aus J.R.R. Tolkiens Büchern mitreissend auf die Leinwand. Doch wer bestimmt eigentlich, wie Kreaturen, Gebäude, Kleider oder Waffen aus Mittelerde aussehen? Unter anderen der Kanadier John Howe, wohnhaft in Neuenburg, einer der bekanntesten Tolkien-Illustratoren. Er weiss auch schon, was wir vom dritten Teil «The Return of the King» erwarten können.
John Howe, wie sind Sie zur Mitarbeit an den «Lord of the Rings»-Filmen gekommen, und was war Ihr Beitrag?
Ich habe viele Illustrationen für «Lord of the Ring» Bücher, Kalender gemacht. Der Regisseur Peter Jackson hatte Bilder von mir und Alan Lee, einem anderen Tolkien-Künstler, in seinem Büro, als sie am Drehbuch arbeiteten. Irgendwann dachte Jackson wohl, es wäre eine gute Idee, wenn Lee und ich Designs und Konzeptzeichnungen für den Film beisteuern würden, also rief er uns an. Wir entwarfen alles mögliche, von Gebäuden über Kreaturen bis zu Waffen, die in den Filmen vorkommen.
Gelten Sie und Alan Lee demnach als die beiden besten Tolkien-Künstler?
Ich weiss nicht. Das ist Geschmackssache. Ein anderer Regisseur hätte wahrscheinlich andere Künstler bevorzugt. Peter Jackson’s Entscheid war auch mutig, denn ich hatte vorher noch nie für einen Film gearbeitet. Das hätte eine Katastrophe werden können.
Wie sind Sie an die Entwürfe herangegangen?
Alan Lee und ich flogen nach Neuseeland und fingen am ersten Tag an, Entwürfe zu zeichnen. Diese wurden dann mit Jackson diskutiert und verfeinert. Man liess uns komplette Freiheit. Das Team sagte: «Wenn ihr es zeichnen könnt, können wir es verwirklichen.» Es gab also keine gestalterischen Beschränkungen. Wir konnten zu Beginn einfach unsere Ideen zu Papier bringen.
Haben Ihre Vorschläge immer mit Jackon’s Ideen übereingestimmt?
Nicht immer. Aber Jackson ist ein Genie, wenn es darum geht, Leute zu motivieren. Er pickte sich immer die Details heraus, die er mochte, und man war bestrebt, daraus beim nächsten Versuch das Richtige zu machen. Wir waren auch in der komfortablen Lage, dass uns genug Zeit zur Verfügung stand. Wir hatten keinen direkten Zeitdruck auf unseren Schultern.
Wie lange vor den eigentlichen Dreharbeiten haben Sie mit den Entwürfen begonnen?
Wir begannen Jahre vorher, im Januar 1998. Es war ja ein riesiges Projekt für zehn Stunden Film. Es mussten unzählige Dinge entworfen werden. Alle Requisiten wurden extra für die Filme in Neuseeland hergestellt. Es wurde nichts aus einer Requisitenkammer geholt.
Was haben Sie für «The Towers» spezifisch entworfen?
Von mir sind zum Beispiel die fliegenden Reittiere der Ringgeister, der dunkle Turm von Sauron, das schwarze Tor vor Mordor, Waffen, Rüstungen, Zubehör der Uruk Hai. Für Gollum oder Baumbart hingegen haben verschiedenste Leute Vorschläge beigesteuert.
Gibt es denn zwischen den verschiedenen Künstlern, die sich mit Tolkien beschäftigen, ein gemeinsames Verständnis, wie Mittelerde auszusehen hat?
Es gibt kein Konzept, das in Stein gemeisselt ist. Meine eigenen Vorstellungen ändern sich von Jahr zu Jahr. Ein Bild, das ich heute zeichne, hätte ich vor einem Jahr anders gemacht, und in einem Jahr wird es wieder anders sein.
Aber die Filme festigen doch jetzt sicher ein bestimmtes Bild...
Ja, das ist natürlich das Problem. Es ist ein bisschen beängstigend. Es gab früher Leute, die mir sagten, sie seien wütend auf mich, weil sie sich Gandalf oder Baumbart vorstellen konnten, bis sie meine Illustrationen gesehen hätten. Seit dann würden immer diese Bilder in ihrem Geist auftauchen. Jetzt habe ich dasselbe Problem mit Frodo oder Saruman. Jedesmal, wenn ich an Saruman denke, sehe ich nur noch Christopher Lee. Aber wenn man dieses Problem wirklich ernst nimmt, darf man gar keine Bilder malen oder Filme drehen.
Hatten Sie je Angst, Tolkien-Fans mit Ihren Illustrationen zu enttäuschen?
Die Bücher haben eine starke visuelle Kraft. Sobald man sie liest, hat man auch Bilder im Kopf. Wenn man die Fähigkeit hat, diese Bilder Wirklichkeit werden zu lassen, mittels Zeichnungen oder Filmen, ist die Versuchung natürlich gross. Tolkien wollte eigentlich nicht, dass die Bücher illustriert werden, aber damit verdiene ich nun einmal meinen Lebensunterhalt. Aber ich glaube daran, dass auch Illustrationen die Fantasie anregen können. Sie dürfen nicht zu detailliert sein, nicht alles zeigen. Die Bilder müssen vom Betrachter vor seinem inneren Auge vervollständigt werden.
Sind Sie glücklich damit, wie Mittelerde in den drei Filmen aussieht?
Ja, absolut, es gibt nur kleine Dinge, die mich stören. Man kann ja die Bücher auch nicht Wort für Wort in einem Film übersetzen. Man muss dem Geist der Vorlage treu bleiben, aber nicht jedem Komma. Sonst kommt «Harry Potter» heraus. Das habe ich natürlich nicht gesagt...
Wie lange haben Sie für die Filme gearbeitet?
Etwa eineinhalb Jahre lang. In dieser Zeit sind wir wirklich in Mittelerde eingetaucht. Und Neuseeland ist perfekt dafür. Es gibt dort jeden Landschaftstyp, den man sich in Mittelerde vorstellen kann. Man hätte diese Filme nicht in den USA drehen können, das wäre viel zu teuer geworden. Und in Europa hätte man wohl Drehorte in zehn verschiedenen Ländern gebraucht, das wäre ein logistischer Alptraum geworden.
Warum denken Sie sind die Bücher von Tolkien so populär und haben so viele Fans?
Die Bücher sind mit viel Instinkt geschrieben worden. Tolkien war einer der ersten modernen Fantasy-Autoren, andererseits steht er in einer Tradition von viel älteren Autoren. Er hat ein Epos geschrieben, so wie Beowulf oder die Wikingersagen Epen sind. Tolkiens Bücher stammen zwar aus dem zwanzigsten Jahrhundert, aber sie kümmern sich nicht um das zwanzigste Jahrhundert. Sie sind keine Analogie für die heutige Zeit, keine Satire, sie sind nicht als Spiegel unserer Welt gedacht. Gleichzeitig behandelt Tolkien aber sehr grundsätzliche Probleme: Was passiert, wenn man in der falschen Zeit geboren ist? Wie entscheidet man sich, wenn jede Entscheidung nur falsch sein kann? Das berührt die Menschen auf einer emotionalen, nicht auf einer intellektuellen Ebene. Gleichzeitig spielt Tolkien mit Archetypen, die seit Jahrtausenden in den europäischen Kulturen verankert sind: Zwergen, Elfen, sprechende Bäume. Und all diese Dinge sind in eine gute Geschichte verpackt.
Was können wir vom dritten Teil der Trilogie, «The Return of the King» erwarten?
Sie können die gewaltigsten Schlachtszenen der Filmgeschichte erwarten. Dachten Sie die Schlacht um Helms Deep in «The Two Towers» sei gross? Die Schlacht um die Stadt Minas Tirith wird riesig werden.
[John Howe wurde interviewt von Bruno Amstutz]
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