| Land (Jahr): | USA (2002) |
| Genre: | Musical |
| Regie: | Rob Marshall |
| Kinostart: | 20.03.2003 |
| 26.02.2003 (Romandie) | |
| 21.02.2003 (Tessin) | |
| Verleih: | Ascot Elite Entertainment Group |
Mädels, Morde und Musik
Die eine ist der glamouröse Star der Chicagoer Nachtklubsszene, die andere träumt noch vom grossen Durchbruch. Beide landen im Gefängnis und treffen dort auf einen publicitysüchtigen Strafverteidiger. Der Tanz um die Gunst des Publikums kann beginnen: Die Verfilmung des Broadway-Musicals «Chicago» ist perfekt inszeniertes Hollywoodkino mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere in den Hauptrollen.
Die auf realen Mordprozessen im Chicago der 20er Jahre basierende Geschichte wurde bereits in unzähligen Versionen am Broadway aufgeführt und auch mehrmals verfilmt. Regisseur Rob Marshall und Drehbuchschreiber Bill Condon haben Bob Fosses gefeierte Bühnenversion aus dem Jahr 1975 mit beträchtlichem Aufwand aufgemotzt und geschickt neu inszeniert: Sie führen eine reale und eine Fantasie-Ebene ein und umgehen so die Gefahr, das heutige, an Musicals unerprobte Kinopublikum durch surreale Tanz- und Singnummern aus der Geschichte zu reissen.
Die naive, aber verbissen ambitionierte Roxie Hart (Renée Zellweger) bestimmt unseren Blickwinkel. Entweder wir sehen ihre Realität: Roxie versucht durch ihren Liebhaber einen Auftritt im Nachtklub zu ergattern. Als sich herausstellt, dass dieser sie nur ausnützt, erschiesst sie ihn kaltblütig. Im Gefängnis landet sie neben der gefeierten, ebenfalls des Mordes angeklagten Velma Kelly (Catherine Zeta-Jones), die sie von oben herab behandelt. Von der Gefängniswärterin «Mama» Morton (Queen Latifah) wird Roxie dem publicitysüchtigen Strafverteidiger Billy Flynn (Richard Gere) zugespielt, der nur eines sucht: karrieregeile, hübsch anzusehende Mädchen, die ihn mit ihrem traurigen Schicksal stets im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit halten. Oder wir sehen Roxies choreografierte Fantasien: Ihre perfekten Auftritte vor der Presse, Billys Stepptanz während der Verteidigungsrede, Velmas unaufhaltsamen Abstieg, illustriert durch eine krampfhafte Showeinlage.
Um der Grossproduktion den nötigen Appeal zu geben, haben sich die Macher entschieden, Hollywood-Stars anstelle von Tänzern und Sängern für die Hauptrollen zu engagieren. Die rasant geschnittenen Tanzszenen erfüllen denn auch neben der modernen Ästhetik einen weiteren Zweck: die tänzerischen Mängel der Schauspieler zu vertuschen. Vor allem Gere, der wie Zeta-Jones bereits Musical-Erfahrungen mitbrachte, bewegt sich eher steif auf dem Parkett. Dafür überzeugt er als schleimiger Anwalt schauspielerisch voll und ganz, während Renée Zellweger, als eigentlicher emotionaler Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, nicht viel mehr als ein schmollmundiges Puppengesicht zu bieten hat. Wieder einmal sind die Nebenfiguren, die leider viel zuwenig singen und tanzen dürfen, am mitreissendsten: Die üppige Rapperin Queen Latifah als intrigante «Mama» Morton und der ewige Nebendarsteller John C. Reilly («Magnolia», «Gangs of New York») sind schlicht grossartig.
13 Oscar Nominierungen, 3 Golden Globes, 2 Bafta Awards - die Filmwelt feiert mit «Chicago» das Musical-Genre, das bereits letztes Jahr mit dem postmodern verspielten «Moulin Rouge» einen fulminanten Neustart erlebte. Dass es ausgerechnet jetzt wieder die Leinwand erobert, bestätigt vielleicht die Theorie, dass das Musical sich von allen klassischen Hollywood-Genres am besten für Krisenzeiten eignet: Eskapismus ist wieder topaktuell - auch wenn man «Chicago» zu Gute halten muss, dass unter der allzu glatten Genre-Oberfläche durchaus brisante Kritik am US-Rechtssystem und an der medialen Manipulation zu finden wäre. [Nathalie Jancso]
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