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All or Nothing - Interview

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Land (Jahr): Frankreich, Grossbritannien (2002)
Genre:Comedy, Drama
Regie:Mike Leigh
Kinostart:09.01.2003
 27.11.2002 (Romandie)
Verleih:Frenetic Films
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Interview Mike Leigh

Mike Leigh gilt als einer der kompromisslosesten britischen Filmemacher. Seine Filme, die zu einem grossen Teil auf Improvisation aufbauen, sind alltagsnahe Sozialdramen, meist in der englischen Arbeiterschicht angesiedelt. Leighs neuster Streifen «All or Nothing» wurde 2002 am Filmfestival in Cannes für die Goldene Palme nominiert.

BBC online nannte Sie einen «Poeten des cineastischen Miserabilismus». Mögen Sie solche Bezeichnungen?
Nein, das ist wirklich ein dummer Ausdruck. Ich habe sicher nichts dagegen, als Poet bezeichnet zu werden, aber es geht mir ja nicht darum, Tristesse zu zelebrieren. Ich will das Leben in all seiner Komplexität zeigen. Es geht um Schmerz, aber auch um Freude, um das ganze emotionale Spektrum eben. Ich schaue sicherlich auf Punkte im Leben, an denen es hart und emotional schwierig ist. Aber es geht letztlich immer auch um die positiven Seiten des Lebens.

Wenn man die Ergebnisse an den Kinokassen anschaut, lockt man aber nicht mit komplexen Filmen viele Zuschauer ins Kino, sondern mit simplen Feelgood-Komödien oder Actionfilmen. Bedrückt Sie das manchmal?
Das ist wahr, und es ist schrecklich. Und es müsste nicht so sein. Ich denke, die Leute werden einer Propaganda ausgesetzt, die ihnen aufdoktriniert, was sie sehen wollen. In Wirklichkeit will das Publikum alle Arten verschiedener Dinge sehen. Das ist wie wenn die Grosskonzerne Millionen von Leuten davon zu überzeugen versuchen, dass sie nur bei MacDonalds essen wollen. Wenn aber die Leute letztlich einen Film wie «All or Nothing» sehen, mögen Sie ihn auch.

Wenn Sie einen neuen Film konzipieren, sind kommerzielle Überlegungen denn überhaupt ein Thema für Sie oder sehen Sie sich als kompromisslosen Künstler?
Es ist eine Kombination aus beidem. Natürlich will ich, dass meine Filme kommerziell erfolgreich sind. Ich will sie einem möglichst grossen Publikum zeigen. Aber wenn man von einer formelhaften Vorstellung ausgeht, was wohl erfolgreich sein könnte, gerät man rasch auf dünnes Eis. Ich könnte mir nicht vorstellen, wie ich einen Film auf einer solchen Vorstellung aufbauen sollte. Ich will, dass man in meinen Filmen lacht und weint, dass sie interessant sind, das Publikum berühren. Die Frage ist natürlich legitim, aber sie impliziert, dass der kommerzielle Erfolg allein in den Händen des Filmemachers liegt. Ein grosser Teil der Verantwortung liegt bei den Leuten, die den Film vermarkten und verkaufen. Das liegt unglücklicherweise ausserhalb meiner Kontrolle als Filmemacher.

Sie geben in Ihren Filmen selten einfache Antworten, Sie lassen viele Dinge offen. Wollen Sie das Publikum dazu erziehen, selbst nachzudenken?
Ich möchte dass die Leute über das Gesehene nachdenken, es reflektieren, diskutieren, darüber streiten. Ich will dem Publikum für sein Geld etwas geben, das es mit nachhause nehmen kann, das ist mein Job. Ich sehe mich deswegen nicht als Lehrer oder Erzieher, aber wenn ich jemanden dazu bringen kann, über die fundamentalen Aspekte des Lebens nachzudenken, umso besser.

Was fasziniert sie so am gewöhnlichen Leben normaler Leute, dass Sie Filme darüber machen?
Zuallererst einmal denke ich nicht, dass es so etwas wie ein «gewöhnliches» Leben gibt. Aus der Perspektive der Person, die dieses Leben lebt, ist es nie gewöhnlich. Jedes Leben beginnt mit dem epischen Moment der Geburt und endet mit dem ebenso epischen Moment des Todes und dazwischen gibt es eine Ansammlung von Krisen. Ich interessiere mich auch für das Aussergewöhnliche, aber ich versuche es in einem «normalen» Leben zu finden. Denn das ist es, was ich jeden Tag um mich herum sehe. Ausserdem habe ich einen gewissen Sinn für Subversion und Anarchie. Die Tatsache, dass die meisten Filme gerade nicht von normalen Leuten handeln, verstärkt meinen Wunsch, Filme zu machen, die anders sind.

Welche Rolle spielte die Improvisation für «All or Nothing»?
Improvisation ist essentiell bei der Entwicklung meiner Filme. Aber ich habe dieses Vorgehen ja nicht erfunden. Alle Arten von Kunst entstehen aus einer Synthese von Ordnung und Improvisation. Bei mir sind die Schauspieler stark am Entstehungsprozess beteiligt. Ich arbeite zuerst einige Monate lang mit den Schauspielern, sie erkunden ihre Figur in den verschiedensten Situationen, so dass sie vollständig in ihrem Charakter aufgehen. Erst dann schreibe ich die Struktur der Geschichte und entwickle improvisierte Szenen zu einer Ordnung und Struktur. Dieser Prozess ist sehr kompliziert und langsam.

Wie lange haben Sie vor den Dreharbeiten für «All or Nothing» geprobt?
Sechs Monate lang, sechs Tage die Woche.

Wie können Sie so viel Zeit in die Proben investieren? In diesem Geschäft ist ja Zeit auch Geld.
Alle meine Filme seit 1988 habe ich in London gedreht, das ist relativ billig. Ich drehe nicht an exotischen Orten, es gibt keine Aufnahmen aus dem Helikopter und so weiter, ich halte die Kosten tief. Die Schauspieler werden schon bezahlt, die arbeiten nicht sechs Monate lang gratis.

Die Schauspieler tragen einen wesentlichen Teil dazu bei, wie sich der Film entwickelt. Warum nehmen Sie am Schluss den Titel des Autors für sich allein in Anspruch?
Der Film wird ja nicht von einem Komitee gemacht. Wir sitzen nicht in einer Runde zusammen und besprechen, wovon der Film handeln sollte. Wenn ich Schauspieler engagiere, kann ich ihnen nicht genau sagen, worum es eigentlich geht. Einerseits weil ich es noch nicht genau weiss, andererseits weil ich es ihnen nicht sagen will. Die Abmachung ist, dass der Schauspieler nie mehr über die ganze Geschichte weiss als seine Figur. Keiner der Schauspieler hat den Überblick über die ganze Geschichte, jeder sieht sie nur aus der Perspektive seiner Figur. Denn so kann man glaubwürdig improvisieren, weil man nie mehr weiss als der Charakter, den man darstellt.

Fühlen sich die Schauspieler dadurch nicht ausgeschlossen oder bevormundet?
Nein. Sie lieben es, weil sie sich total auf ihre eigene Figur konzentrieren können, so wie sie im wirklichen Leben wäre. Schliesslich sind wir ja alle das Zentrum unseres eigenen Universums und sehen die Welt aus dieser Perspektive. Es kann für Schauspieler behindernd sein, einen Überblick über die ganze Geschichte zu haben.

Also sind Sie am Ende der Diktator, der als Einziger die ganze Sache steuern kann?
Ja, absolut. Und deshalb bezeichne ich mich auch als Autor der Filme. Damit habe ich überhaupt kein Problem.

[Mike Leigh wurde interviewt von Bruno Amstutz]

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