Gangs of New York - Filmkritik
| Land (Jahr): | Deutschland, USA (2001) |
| Genre: | Crime, Drama |
| Regie: | Martin Scorsese |
| Kinostart: | 20.02.2003 |
| 08.01.2003 (Romandie) | |
| 24.01.2003 (Tessin) | |
| Drehbuch: | Jay Cocks |
Schlachtplatte New Yorker Art
Oft ist der Mythos vom «Melting Pot» schon beschworen worden, dem kulturellen Schmelztiegel namens USA, der die Einwanderer verschiedenster Herkunft in eine neue Identität als Amerikaner führte. Dass es in diesem Eintopf wie in einem Hexenkessel zu und her ging und vor allem mit Blut angerührt wurde, versucht Martin Scorsese glaubhaft zu machen. Seine Geschichtslektion der ungeschönten Art erzählt von Rassismus, Blutrache und allgegenwärtiger Gewalt.
1863 tobt nicht nur der Sezessionskrieg zwischen Nord- und Südstaaten, auch in den Strassen New Yorks wird mit harten Bandagen gekämpft. Rivalisierende Strassenbanden raufen um Macht, Ansehen und Rechte in den morastigen Armenvierteln. Ob sich die eine oder andere dabei mit Feuerwehr- oder Polizeiuniformen schmückt, ändert nichts am grobschlächtigen Benehmen. Von organisierter Staatsmacht ist noch nichts zu spüren.
Der junge Amsterdam Vallon (Leonardo Di Caprio) kehrt nach sechzehn Jahren im Heim an den Ort seiner Kindheit zurück: Ins Quartier Five Points, wo damals die «Dead Rabbits» einen entscheidenden Kampf gegen die «Natives» führten. Und wo Amsterdam's Vater, Oberhase «Priest Vallon» (Liam Neeson), tatsächlich tot in den blutigen Schnee sank, niedergestreckt von «Bill the Butcher» (Daniel Day-Lewis).
Der Metzgermeister macht auch jetzt noch keine grossen Unterschiede zwischen Mensch und Schwein. So roh wie die Fleischklumpen, die er an bedürftige Mütter verteilt, sind seine Methoden der Machterhaltung. In Bill hat Martin Scorsese ein Vorläufermodell von Francis Ford Coppola's Mafiapaten aus der «Godfather»-Trilogie gefunden - einen Mann mit Ehrenkodex, aber ohne Skrupel. Daniel Day-Lewis haucht dieser zwiespältigen Figur eine beeindruckende Ausstrahlung ein, die mit einer Oscarnomination gerecht belohnt ist. Lieben kann man «Bill the Butcher» nicht, aber er weiss sich durch sein Charisma Bewunderung zu sichern. Dieser Verführung erliegt auch Amsterdam, der sich bis zum Adjutanten des Sadisten hocharbeitet und trotzdem ständig das Metzgermesser gegen ihn wenden möchte.
Scorseses Monsterprojekt war eine Zangengeburt, und einige Abdrücke des Werkzeugs sind haften geblieben. Dreissig Jahre lang hat der Altmeister an seinem Lieblingskind herumgeschraubt und konnte am Schluss doch nicht all seine Wünsche verwirklichen. Querelen zwischen dem Regisseur und Miramax-Chefcholeriker Harvey Weinstein prägten die Entstehungsgeschichte. Das Endresultat ist 12 Millionen teurer als Produzent Weinstein befürchtet und 60 Minuten kürzer als Scorsese gehofft hat. Die Geschichte ruckelt an einigen Stellen etwas holperig weiter, dafür verkörpert der Streifen ein gigantisches Meisterstück der Ausstattungstechnik und Bildgewalt, das detailverliebte Sittengemälde einer unbekannten Epoche. Frei von Kitsch und Theatralik ist «Gangs of New York» nicht, aber welches Epos ist das schon. Vielleicht hat Scorsese zu viel gewollt. Aber Grosses erreicht hat er zweifellos.
[Bruno Amstutz]
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